Valentinstagsspecial 2017

Valentinstagsspecial – Natalie Schauer – Der Blumenhändler

 

Natalie Schauer – Der Blumenhändler

 

Es war eine finstere Nacht, stockdunkel; der Mond war nicht zu sehen. Nebel hing zwischen den Altstadthäusern. Ich hatte etwas Angst, aber Bommel, unser Familienhund, hatte Durchfall, ich musste noch eine Runde drehen, sonst würde er die ganze Nacht jammern. Ich war noch nicht weit von unserer Wohnung entfernt, als ich Geräusche hörte. Sie kamen von einem Auto, das einige Meter vor mir entfernt in einer Seitengasse geparkt hatte. Mir kam dieser Wagen sofort bekannt vor, dann sah ich das Nummernschild und war irritiert. Ich sah mich mehrmals um, doch es war niemand zu sehen. Und obwohl mir mein Gefühl sagte, ich solle mich umdrehen und nach Hause gehen, so peilte ich den Wagen, oder besser gesagt den Firmenwagen meines Mannes an. Mein Herzschlag erhöhte sich, denn mein Unterbewusstsein schien schon die richtigen Schlüsse gezogen zu haben, mein Herz und mein Verstand waren noch nicht so weit. Bommel schien meine Nervosität nicht zu bemerken, er war mit herumschnüffeln beschäftigt, was typisch für ihn war. Bommel war ein fauler Hund, kein Wachhund. Wenige Sekunden später hörte ich auf zu atmen, für den Rest meines Lebens, so fühlte es sich jedenfalls an.

 

Mein Herz sprang mir beinahe aus dem Körper, ich konnte nicht mehr atmen, nicht mehr denken, war nicht mehr ich selbst. Wie gelähmt stand ich da, unfähig zu reagieren. Mein Leben zersprang, und ich zerriss innerlich. Ich sah die Scherben meiner Ehe vor mir, in Form meines Mannes, der eine andere Frau vögelte, anders konnte man das nicht beschreiben, was er mit ihr tat. Ich konnte meinen Blick kaum abwenden, war wie geschockt, wie versteinert. Meine Hände fingen an zu zittern, ich musste weg hier. Sie durften mich nicht sehen und doch blieb ich. Sie hatten die Lehne des Fahrersitzes nach hinten geklappt und er fickte sie heftig von hinten. Sie konnten mich nicht sehen, denn beide waren in Ekstase, hatten alles ausgeblendet, das spürte ich. Die Scheiben waren beschlagen, das erinnerte mich an die Szene in Titanic, in der Leonardo DiCaprio Kate Winslet ebenfalls in einem Auto beglückte. Dann ging plötzlich das Licht im Auto an. Ich bekam Panik und lief sofort weg, mein Herz pochte, mein Puls stieg. Bommel fing an zu bellen, als ich ihn heftig an der Leine mit mir riss. Ich lief, ohne anzuhalten, und als ich die letzten Stufen nach oben in unsere Wohnung hastete, konnte ich nicht mehr an mich halten. Die Tränen strömten nur so aus mir heraus.

 

 

 

Es war zehn Uhr morgens, ich war immer noch im Pyjama, Tränensäcke saßen unter meinen verweinten Augen. Ich saß, wie so oft in der letzten Zeit, vor den Bildern meiner Familie, die es so nicht mehr gab. Meine Tochter Isabella studierte seit Monaten in Sydney Meeresbiologie, und mein Mann betrog mich mit einer zwanzig Jahre jüngeren Studentin. Nachdem ich meinen Mann mit dieser Frau in seinem Auto gesehen hatte, als wäre er ein pubertierender Teenie, setzte ich einen Privatdetektiv auf ihn an, die Mittel dafür hatte ich. Und der fand heraus, dass seine Geliebte ein Jahr älter als unsere gemeinsame Tochter war. Was mich sprachlos machte. Ich lebte seit so vielen Jahren mit einem Mann zusammen, den ich nicht mehr kannte, der mich hinterging, mich belog und betrog. Ich sprach ihn nicht darauf an, was hätte ich auch sagen sollen? Es war mir peinlich, sie gesehen zu haben. In dieser intimen Situation, die mein Mann und ich schon lange nicht mehr hatten. Jedenfalls nicht in der Form, wie er sie mit dieser Frau hatte. Den ganzen Tag verbrachte ich auf der Couch, so lange, bis mein Mann nach Hause kam, was immer später wurde. Irgendwann würde er wohl gar nicht mehr nach Hause kommen. Und das konnte und wollte ich auf keinen Fall akzeptieren.

Ich konnte ohne ihn nicht leben, wollte nicht, dass ihn eine andere Frau bekam. Nein, das würde ich nicht zulassen – niemals. Meine Gedanken waren wirr, unrealistisch, verrückt, doch ich konnte nicht anders. In den nächsten Wochen keimte ein Hass in mir auf, der nicht mehr zu stoppen war. Ich besorgte mir eine Waffe, was einfacher war als gedacht. Beschäftigte man sich intensiv mit dem Thema, so fand man im Internet alles. Und so hielt ich nun eine kleine Pistole in der Hand. Sie war unerwartet schwer, doch laut Beschreibung leicht zu bedienen, vor allem für Frauen geeignet. Ich musste üben, das war mir klar, also fuhr ich mehrfach in den Bayerischen Wald. Immer dann, wenn es regnete, wenn das Wetter so schlecht war, dass sich niemand in die Wälder verirrte. Ich übte und übte, bis ich treffsicher war.

 

Dann begann die Beschattung meines Mannes. Ich wollte wissen, was er mit ihr machte, wo sie sich herumtrieben. Und wieder fiel ich fast vom Glauben ab, denn jeden verdammten Tag spazierte er in unseren Stammblumenladen um die Ecke. Er kaufte täglich eine langstielige rote Rose. Ich konnte es nicht glauben, denn mir schenkte er nur zum Geburtstag Blumen, nicht etwa jeden Tag. Auch ich besuchte den Laden jede Woche, denn ich legte für meine und seine Eltern wöchentlich frische Blumen aufs Grab. Mein Mann war so ein erbärmliches Arschloch geworden. Nachdem er mir jeden Morgen bei der Verabschiedung einen Kuss auf die Wange gab, schlenderte er in den Blumenladen und kaufte für seine Hure eine Rose. Mir wurde schlecht.

 

Als ich in dieser Nacht neben meinem Mann im Bett lag, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Wie sehr ich ihn liebte, vergötterte, ja verehrte. Ich wollte ihn nicht verlieren, wollte kämpfen, noch nicht aufgeben. Ich dachte an meine Tochter, deren Vater tot wäre, von der Mutter getötet. Das konnte ich ihr doch nicht antun. Ich trocknete meine Tränen, mein Mann schlief tief und fest, was ich durch sein Schnarchen bemerkte. Ich tat nun etwas, was ich seit Jahren nicht mehr getan hatte. Schlüpfte unter die Bettdecke und fing an, seinen Penis zu massieren. Meine Hand glitt unter seine Boxershort und Lust keimte in mir auf.

„Nicht Schatz. Ich bin müde.“ Dann drehte er sich von mir weg. Ich war wie vor den Kopf gestoßen, fühlte mich so erbärmlich klein und hässlich. Er wollte mich nicht mehr, er stieß mich von sich weg. Ich spürte, dass es vorbei war. Für immer.

 

 

Es war ein Dienstag, der Nebel hing noch über den Dächern der Stadt und ich verließ vor meinem Mann das Haus. Ich gab ihm einen Kuss und verließ die Wohnung, ich wollte vor ihm im Blumenladen sein, den ein Türke führte. Er hatte ihn von seiner verstorbenen Mutter geerbt und führte ihn so, wie noch vor zwanzig Jahren. Und obwohl ich seit vielen Jahren bei ihm Blumen kaufte, kannte ich doch seinen Namen nicht. Es fing an zu regnen, und ich beeilte mich, in den Laden zu kommen. Mein Mann würde in wenigen Minuten hier auftauchen, das wusste ich. Der Laden war leer, als ich ihn betrat, vermutlich war der Verkäufer im hinteren Bereich. Ich war nervös, schweißnass umklammerten meine Hände die Waffe, die sich so gut anfühlte.

„Guten Morgen, Frau Steinbach“, riss mich der Verkäufer mit einem Lächeln auf den Lippen aus meinen Gedanken.

„Sie sind ja heute früh hier. Wie immer dasselbe?“, fragte er.

„Ja, ja, wie immer.“ Während ich das sagte, hing mein Blick am Schaufenster.

Ich konnte mich jetzt nicht auf ein Gespräch einlassen, ich musste mich auf das konzentrieren, was ich vorhatte.

 

 

Khalid, der Blumenverkäufer, war kein Türke, so wie Brigitte vermutete, er war Pakistani und etwas irritiert, dass sie so früh bei ihm im Laden auftauchte. Er kannte Brigitte seit vielen Jahren, sie kaufte immer zwei kleine Gestecke für das Grab ihrer Eltern und Schwiegereltern. Er mochte sie, mehr als es gut für ihn war. Und hasste ihren Mann für das, was er ihr antat. Denn Khalid wusste ganz genau, dass die Rose, die Herr Steinbach täglich kaufte, nicht für Brigitte bestimmt war. Durch Zufall hatte er ihn einmal mit einer jüngeren Frau gesehen, in eindeutiger Position. Heute schien sie besonders bedrückt und traurig zu sein, was ihm unendlich leidtat. Sie war eine so wunderschöne, warme, herzliche Frau, aber ihr Mann wusste das einfach nicht zu schätzen. Khalid fing an, die Gestecke anzufertigen und dachte über sein Leben nach. Er war Mitte vierzig, hatte keine Frau und keine Kinder. Oft war er einsam, aber er war selber schuld, denn er hatte mehrfach die Gelegenheit gehabt, nette Frauen kennenzulernen, doch irgendwie hatte es nie richtig gepasst. Brigitte Steinbach aber wäre so eine Frau, für die er alles tun würde. Aber eine Frau wie Brigitte, die in einer Penthouse-Wohnung mitten im Zentrum wohnte, würde sich nie mit einem wie ihm abgeben, redete sich Khalid immer wieder ein. Aber heute hatte er irgendwie ein komisches Gefühl. Irgendetwas sagte ihm, er solle alles riskieren, zumindest ein einziges Mal im Leben. Was ihn dazu verleitete, die Gestecke liegen zu lassen und nach vorne in den Laden zu gehen.

Ich erschrak, als plötzlich der Verkäufer dicht hinter mir stand.

„Entschuldigen Sie, ich wollte Sie nicht erschrecken, aber…“

„Aber?“ Ich war irritiert, was wollte er ausgerechnet jetzt von mir, wo ich auf meinen Mann wartete, mit dem Finger am Abzug.

„Wie soll ich sagen, nun ja, ich wollte Sie fragen, ob Sie mit mir essen gehen möchten?“

Ich war so perplex, dass ich mit dem Kopf schüttelte, unbewusst. Aber dann musste ich lächeln, denn seit vielen Jahren hatte mich kein fremder Mann mehr zum Essen eingeladen, geschweige denn mit mir geflirtet. Oder vielleicht habe ich es einfach nicht bemerkt. Und dann machte ich etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte.

Dirk Steinbach sprang motiviert die Treppe herunter und pfiff vor sich hin. Er schwebte auf Wolke sieben und das seit fast einem Jahr. Laura gab ihm neue Energie, mit ihr konnte er lachen, sie nahm ihn ernst und blickte zu ihm auf. Laura war nicht nur eine Affäre für ihn, sondern er liebte sie, oder war zumindest verliebt in die junge Studentin. Sie hatte so viele Träume und Pläne und riss ihn mit. Sie wollte im nächsten Jahr eine Weltreise starten und er wollte mit ihr kommen, er würde alles für Laura aufgeben, seinen Job und seine Ehe. Er visierte, wie jeden Tag, den Blumenladen von Khalid an, in dem er eine rote Rose kaufte. Das Glitzern in den Augen von Laura bedeutete ihm alles. Sie war noch mit so wenig zufrieden zu stellen. Er stand nun direkt vor dem Laden und was er hier sah, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren.

Ich spürte das erste Mal seit einundzwanzig Jahren eine fremde Zunge, schmeckte einen anderen Mann, und es fühlte sich so verdammt gut an. Ich wollte mehr, so viel mehr, jetzt sofort. Meine Hand hatte sich von der Pistole gelöst, ich war nun völlig befreit und gab mich meinen Gefühlen hin. Das hatte ich schon so lange nicht mehr getan. Küssend und fummelnd zog er mich Richtung Türe, vorbei am Schaufenster, doch es war mir egal, ob uns jemand sehen konnte. Mit einem Griff schloss er die Türe ab und wir fielen zu Boden. Seine Küsse waren so fordernd, so leidenschaftlich. Wir rissen uns die Kleider vom Leib, ich konnte es nicht erwarten, ihn in mir zu spüren, und auch dieser mir fast völlig fremde Mann schien ausgehungert zu sein, er wollte es genauso sehr wie ich, oder vielleicht noch viel mehr. Als er in mich eindrang, war er zärtlich, sah mir tief in die Augen, und ich fühlte mich so wohl wie noch nie. Seine Stöße wurden wilder, denn auch er spürte, dass ich mehr wollte.

Wenige Augenblicke später lagen wir schweißnass und keuchend nebeneinander und fingen lauthals an zu lachen.

„Mein Name ist übrigens Khalid.“ Er reichte mir die Hand, und wieder prusteten wir los wie zwei aufgeregte Teenager.

„Willst du einen Tee, Brigitte?“, fragte er mich, immer noch schmunzelnd. Ich wurde plötzlich rot, denn mir war nun bewusst, dass ich nackt auf einem kalten Boden lag und jeder Passant in den Laden sehen konnte. Schnell sammelten wir unsere Kleidung ein und verschwanden in den hinteren Teil des Blumenladens.

Khalid, war ein Pakistani, kein Türke, so wie ich vermutet hatte und er war mir auf Anhieb sympathisch. Wieso war mir dieser Mann nicht schon früher aufgefallen? Ich war blind, betriebsblind, denn wie sich herausstellte, fand er mich schon lange sehr anziehend. Khalid sah plötzlich ganz erstaunt zu einem Kalender und sprang von seinem Stuhl auf. Ich war irritiert, aber als er zurückkam, hielt er eine Rose in der Hand und lächelte mich an.

„Heute ist Valentinstag“, dann reichte er mir die rote Rose und ich musste an meinen Mann denken, aber nur kurz, denn ich hatte einen Entschluss gefasst. Ich würde ihn verlassen, nicht er mich. Ich hatte noch ein Leben vor mir, und Khalid hatte mir gezeigt, wie schön so ein Leben sein könnte.

Wir unterhielten uns über Gott und die Welt, und im Nu war der ganze Vormittag verstrichen. Ich dachte nicht mehr an die Pistole in meiner Handtasche. Als wir uns verabschiedeten, machten wir ein Treffen für ein Abendessen aus, und ich war so glücklich über diesen Wink des Schicksals, dass ich die Tränen nicht zurückhalten konnte. Khalid strich mir über die Wange, wischte die Träne beiseite und ich schlenderte über die Straße. Mein Entschluss stand fest, ich würde meinen Mann verlassen, denn ich hatte etwas Besseres verdient.

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