Valentinstagsspecial 2017

Valentinstagsspecial – Mel Hope – Top Secret

 

Mel Hope – Top Secret

 

»Und sei dieses Mal bitte pünktlich!«

»Ja, ja«, maule ich leicht gereizt ins Telefon, während ich mir gleichzeitig meine Handtasche schnappe und die Tür hinter mir zuziehe.

»Ich mein es ernst, Cassy. Zwing mich nicht, deinen Hintern höchstpersönlich aus dem Büro zu schleifen«, droht sie, woraufhin ich genervt die Augen verdrehe. »Abgemacht ist nun mal abgemacht.«

Gott, worauf habe ich mich da nur eingelassen?

»Ich werde da sein. Versprochen«, gebe ich mich widerwillig geschlagen.

»Das will ich dir auch geraten haben«, knurrt sie unheilvoll. Das Kichern, das meinem Mund entweichen möchte, kann ich mir gerade noch verkneifen. Mal ehrlich, ich kann sie einfach nicht ernst nehmen, wenn sie versucht, wütend zu sein. Schuld daran ist ihre zu hohe Stimme, die eher an eine süße Disney-Figur erinnert als an eine erwachsene Frau.

»Lachst du mich etwa schon wieder aus?«, schimpft sie und schnauft empört in den Hörer.

»Nein, nein, natürlich nicht«, wehre ich schwach ab und grinse vor mich hin.

»Du weißt ja«, sagt sie verheißungsvoll, »das bekommst du heute Abend alles wieder zurück«, beendet sie ihren Satz mit zuckersüßer Stimme und jagt mir damit einen unangenehmen Schauer über den Rücken.

Diese kleine Sadistin! »Bis später, Mia«, schnaube ich und steige in den Wagen.

»Ich freue mich auf dich!«, flötet sie gut gelaunt und legt auf.

Wenn ich sie nicht schon mein halbes Leben lang kennen würde, hätte ich sie bereits zum Teufel gejagt, so viel steht fest. Mia ist der einzige Mensch auf Erden, der mich in- und auswendig kennt, deshalb habe ich mich überhaupt erst auf ihren wahnwitzigen Vorschlag eingelassen. Ihr zuliebe. Am liebsten würde ich diesen grauenvollen Tag entspannt auf dem Sofa, vorzugsweise mit einem Glas Rotwein, ausklingen lassen, da hab’ ich die Rechnung allerdings ohne meine beste Freundin gemacht.

Nach 30 Minuten habe ich mein Ziel, schlecht gelaunt und natürlich viel zu spät, endlich erreicht. Dass plötzlich alle Menschen in meinem Umfeld durchdrehen und scheinbar schlagartig das Autofahren verlernt haben, hängt sicher mit diesem dämlichen Tag zusammen. Anders kann ich mir das nicht erklären.

Ich hetze durch das Foyer der Hughes Corporation und bete inständig, dass ich nicht über meine eigenen Füße stolpere und Bekanntschaft mit dem Fußboden mache. Darauf kann ich heute wirklich verzichten. Da ich in den 14. Stock muss, nehme ich den Aufzug, der glücklicherweise nicht lange auf sich warten lässt.

Vielleicht endet der Tag ja doch nicht in einer Katastrophe, denke ich lächelnd und drücke den Knopf für die 14. Etage. Kurz bevor sich die Aufzugstüren jedoch vollständig schließen können, schießt eine Hand dazwischen, die meiner Glückssträhne ein jähes Ende bereitet.

»Das ist ja mal wieder typisch«, murmel ich und hoffe, dass es bei einem Fahrgast bleiben wird.

Ich schiele unauffällig in seine Richtung und sehe, dass er in die Chefetage möchte.

Was will so einer denn beim Big Boss?

Sein Gesicht kann ich zwar nicht erkennen, weil er mir den Rücken zugewandt hat, aber allein seine Aufmachung sagt alles. Sie schreit förmlich nach diesem ›Ich bin ein großer, böser Junge und hab’ keinen Bock auf eure Scheiße‹ Ding. Sein enges schwarzes Shirt schmiegt sich an seinen, zugegebenermaßen, sehr wohlgeformten Oberkörper und seine graue Jeans sitzt ihm lässig auf den schmalen Hüften. Ich lasse meinen Blick ein wenig tiefer gleiten und muss bei dem Anblick, der sich mir bietet, kurz schlucken. Sein Hintern ist wirklich erstklassig.

Er hat schokoladenfarbenes, leicht zerzaustes Haar, das aussieht, als wäre er gerade erst aufgestanden. Oder aber … er hat eben eine Nummer mit einer heißen Blondine geschoben, schießt mir der Gedanke unvermittelt durch den Kopf.

Himmel! Was ist nur los mit mir? Das muss an diesem verfluchten Tag liegen. Hoffe ich …

Die Tatsache, dass er mitten im Februar, nur mit einem kurzärmligen Shirt bekleidet, durch die Gegend spaziert und dann auch noch in so ein Gebäude, ist für mich Grund genug, an seinem Verstand zu zweifeln. Aber das ist nicht mal der ausschlaggebende Punkt. Ein anderes, winzigkleines Detail an seinem Äußeren ist es, was mich so verwundert, denn dadurch wirkt er, inmitten dieser ganzen Spießer, die sich hier scharenweise tummeln, einfach nur fehl am Platz.

Die unterschiedlichsten schwarz-weißen Bildchen und Verschnörkelungen, die sich entlang seiner braun gebrannten Arme winden, lösen in mir gleichzeitig ein Gefühl von Faszination und Unglaube aus. Keine Frage, ich stehe total auf tätowierte Männer, vor allem, wenn sie eine so heiße Kehrseite haben, doch der Typ passt hier so gut rein, wie ich in einen Gothic Club. Ein besserer Vergleich fällt mir im Moment leider nicht ein.

Ich bin die Letzte, die Menschen aufgrund ihres Äußeren beurteilt, aber diese Situation ist einfach zu absurd.

Während ich mir den Kopf über den Kerl zerbrochen habe, ist der Aufzug endlich in Bewegung gekommen. Was kümmert es mich schon, was er hier möchte? Kann mir ja egal sein. Ich will den Tag nur so schnell wie möglich hinter mich bringen.

Wenn ich es mir allerdings recht überlege, weiß ich gar nicht, was schlimmer ist: Den halben Tag mit meinen durchgeknallten Kolleginnen verbringen zu müssen, die alle Herzchen in den Augen haben und mir damit auf den Keks gehen, weil sie ja ach so verliebt sind, oder das Desaster, das mir heute Abend bevorsteht.

Als es poltert und der Aufzug plötzlich zum Stillstand kommt, beschließe ich, mein Gejammer auf später zu verschieben, und nach der Ursache zu suchen.

Ich werfe einen Blick auf die Anzeige und sehe, dass wir in der 12. Etage stehengeblieben sind.

Das ist ein Witz, richtig?

Hätte dieser verdammte Fahrstuhl nicht ein Stockwerk länger durchhalten können?!

Da ich die Hoffnung, hier doch noch rauszukommen und nicht mit diesem Typen auf engstem Raum eingesperrt sein zu müssen, auf keinen Fall aufgeben möchte, beschließe ich, die simpelste Methode auszuprobieren, indem ich auf irgendeine Etage drücke. Dass ich meinem ungebetenen Leidensgenossen dabei fast schon am Rücken kleben muss, um an das Bedienfeld heranzukommen, missfällt mir zwar, aber mir bleibt wohl nichts anderes übrig.

Bleib einfach da stehen, wo du bist, denke ich übellaunig, während ich die kurze Entfernung überbrücke und es tatsächlich unbeschadet ans Ziel schaffe. Doch leider setzt sich der Aufzug auch nach mehrmaligem, ziemlich aggressiven Drücken der Tasten, nicht in Bewegung.

»Das kann ja wohl nicht euer Ernst sein!«, zische ich leise und kann es gerade noch verhindern, trotzig mit dem Fuß aufzustampfen.

»Ich kann mir nichts Schöneres vorstellen, als mit dem ›großen, bösen Bad Boy‹ höchstpersönlich hier festzusitzen und über Herzchen und Blümchen zu diskutieren«, motze ich eine Spur zu laut, denn als ich den Kopf hebe, sehe ich geradewegs in kühle, dunkelblaue Augen.

Heilige Scheiße!

Wenn ich bereits der Ansicht war, dass seine Kehrseite heiß ist, dann gehört seine Frontansicht definitiv verboten!

Er ist mindestens anderthalb Köpfe größer als ich, sodass ich den Kopf in den Nacken legen muss, um ihm ins Gesicht sehen zu können. Seine blauen Augen, mit denen er mich gerade zu erdolchen versucht, erinnern an einen stürmischen Ozean und sein sinnlicher Mund, den er angepisst aufeinandergepresst hat, weckt in mir eindeutig die falschen Gedanken. Dunkle Wimpern und Augenbrauen, markante Gesichtszüge und der dunkle Bartschatten, der seine Wangen und sein Kinn überziehen, verleihen seinem gebräunten Gesicht diesen gefährlichen Touch. Das dunkle Shirt spannt sich um seinen muskulösen Oberkörper und seine trainierten Arme wirken aus der Nähe betrachtet sogar noch eindrucksvoller.

»Na, genug gegafft?«, fragt er und verzieht seinen Mund zu einem spöttischen Lächeln. Seine Stimme ist tief und rau und irgendwie auch total … heiß.

»Da hat wohl jemand zu viel Selbstbewusstsein«, stelle ich nüchtern fest.

»Ist dir geblickfickt lieber?«, will er wissen und grinst mich dreckig an.

»Sorry, dich enttäuschen zu müssen, aber ich habe dich weder angegafft, noch ›geblickfickt‹, wie du so schön gesagt hast.«

Das war ja mal wieder klar. Es leben über sieben Milliarden Menschen auf der Welt und ich muss ausgerechnet auf DAS Macho-Arschloch schlechthin treffen.

Wieso hat eigentlich fast jeder vor diesem ach so unglückbringenden Freitag, den 13. Angst, wo doch der 14. Februar viel schlimmer ist?

»Wunder Punkt?«

»Was?«, frage ich perplex.

»Weil heute Valentinstag ist«, sagt er gedehnt und sieht mich abschätzig an.

»Wie kommst du denn darauf?«

»Ich kenne Frauen wie dich«, fährt er seine überhebliche Tour fort.

Womit habe ich das nur verdient?

»Aha«, gebe ich gelangweilt von mir. »Und wie sind wir so?«

Kaum zu fassen, dass ich mich tatsächlich auf ein Gespräch mit diesem eingebildeten Arsch einlasse. Dabei meide ich solche Typen normalerweise.

Was bringt dir der heißeste Kerl, wenn dich sein Charakter anwidert?

»Frustriert und unzufrieden«, antwortet er und schenkt mir ein zufriedenes Lächeln. Ich will bereits zu einem bissigen Kommentar ansetzen, als er einfach weiterspricht.

»Aber keine Sorge«, flüstert er geheimnisvoll und beugt seinen Kopf zu mir herunter. »Auch so kleine, unscheinbare Büromäuschen wie du kommen früher oder später in den Genuss, ordentlich durchgenommen zu werden«, beendet er seinen Satz und geht wieder etwas auf Abstand.

Was zur Hölle?!

Ich hätte daheim bleiben sollen, seufze ich gereizt. Dieser verfluchte Tag bringt mir nichts weiter als Ärger ein!

»Halt dich einfach von mir fern, okay?«, murmel ich unbeeindruckt und mache eine wegwerfende Handbewegung in seine Richtung. Anschließend verständige ich die Notrufzentrale. Die Frau teilt mir mit, dass der Techniker in etwa 20 Minuten eintreffen und sich um das Problem kümmern wird.

Klasse.

Mit einem leisen Fluch auf den Lippen ziehe ich mich in den hinteren Bereich des Aufzugs zurück. Hier hab’ ich wenigstens etwas Ruhe.

»Keine Sorge«, wispert er plötzlich dicht an meinem Ohr, stützt sich mit einem Arm an der Kabinenwand ab und kesselt mich damit mit seinem Körper ein. »Ich stehe nicht auf prüde Püppchen.«

Seine Worte jagen mir eine gewaltige Gänsehaut über den Rücken und dort, wo mich sein heißer Atem getroffen hat, prickelt meine Haut auf angenehme Weise.

Ich neige den Kopf leicht in seine Richtung, lege meine Lippen sanft an sein Ohr und hauche ihm dann mit samtener Stimme ein »ich auch nicht« entgegen.

Zufrieden sehe ich, wie sich seine dunklen Augen vor Erstaunen weiten und mich nun mit unverhohlener Neugierde betrachten. »Interessant«, murmelt er und entlässt mich aus meinem Gefängnis.

Ich gebe es nicht gerne zu, aber seine Nähe hat sich viel zu berauschend angefühlt.

»Was willst du eigentlich beim Boss?«, frage ich. Wenn wir schon hier festsitzen, können wir die Zeit zumindest sinnvoll nutzen und nett ›plaudern‹. Was zählt, ist schließlich der gute Wille.

»Ist geschäftlich«, sagt er kurz angebunden.

»Geschäftlich?«

»Ja. Was dagegen?«, möchte er wissen und sieht mich herausfordernd an.

»Nein. Du siehst nur nicht so aus, als würdest du … na ja, geschäftlich unterwegs sein.« Das ist noch untertrieben ausgedrückt.

»Wieso? Weil ich tätowiert bin und mich nicht in so ein spießiges Outfit werfe?«, fragt er mit einem angewiderten Blick auf meine Kleidung.

Meine Augenbraue gleitet nach oben. »Du bist wohl nicht in der Position, meinen Kleidungsstil zu kritisieren, immerhin bist du derjenige, der hier nicht reinpasst.«

»Punkt für dich«, erwidert er grinsend. »Und was machst du hier?«

»Ähm, ich arbeite hier? Oder wonach sieht es für dich aus?«

»Was du nicht sagst«, brummt er belustigt. »Und warum bist du so mies gelaunt?«

»Ich hasse diesen Tag«, motze ich. »Also nicht Dienstage im Allgemeinen, sondern diesen bescheuerten Valentinstag.«

»Sag bloß, du gehörst zu der Sorte todunglückliche Singlefrau, die sich vor lauter Kummer mit Schokolade vollstopft und den ganzen Tag rumjammert«, sagt er und lächelt bitter.

»Willst du mich verarschen?«, frage ich emotionslos und presse meine Lippen angepisst aufeinander. »Ich kann diesen Herzchen- und Blümchenquatsch nur einfach nicht ausstehen! Es ist doch jedes Jahr der gleiche Mist. Die eine Hälfte versinkt im krankhaften Liebeswahn, während die andere Hälfte heulend Zuhause rumsitzt und sich in Selbstmitleid suhlt. Wenn man jemanden liebt, sollte man das der Person gefälligst jeden Tag zeigen.«

»Ganz meiner Meinung.«

»Ich weiß gar nicht, was schlimmer ist«, seufze ich. »Den Tag mit besagter erster Hälfte zu verbringen, oder das Folterprogramm, das mir heute Abend bevorsteht.«

»So schlimm?«, fragt er und ich sehe, wie einer seiner Mundwinkel verräterisch zu zucken beginnt.

»Glaub mir, du möchtest nicht mit mir tauschen.«

»Leg los!«, fordert er und zwinkert mir zu.

»Meine Freundin und ich sehen uns gemeinsam eine Liebesschnulze im Kino an.«

»Autsch.«

»Auf diesen dämlichen Vorschlag habe ich mich nur eingelassen, weil sie stundenlang auf mich eingeredet hat. Und weil sie meine beste Freundin ist.«

»Wie wärs, wenn ich dich heute Abend auf ein Date entführe?«, schlägt er mir mit einem vielsagenden Blick vor.

»Bitte?« Ich klinge erschrocken und das bin ich verflucht noch mal auch! Aber mal ehrlich, damit hätte jetzt wohl niemand gerechnet.

»Keine Sorge, ich werde nicht über dich herfallen«, erwidert er mit einem frechen Grinsen auf den Lippen. »Außer … du bittest mich darum.«

»Ha, ha«, lautet meine trockene Antwort. Dass sich mein Puls bei seinen Worten deutlich beschleunigt hat, werde ich ihm natürlich nicht sagen.

»Also, was sagst du? Ich rette dich vor einem katastrophalen Abend und du sorgst dafür, dass mir nicht langweilig wird.«

»Abgemacht!«, stimme ich, ohne zu zögern, zu.

Wie soll ich das nur Mia beibringen?, überlege ich fieberhaft und muss im gleichen Moment lachen. Wenn sie erstmal von meinem Date erfahren hat, wird sie mich dorthin prügeln, denn mein Lebensstil ist ihr schon länger ein Dorn im Auge.

Wenig später trifft auch endlich der Techniker ein, der den Aufzug innerhalb kürzester Zeit wieder in Gang bringt.

»Also, dann bis heute Abend«, verabschiede ich mich und steige aus. Das verbliebende Stockwerk gehe ich lieber zu Fuß. Bevor ich jedoch um die Ecke biege, fällt mir noch eine Sache ein.

»Wie heißt du eigentlich?«

»Liam.«

»Und wie finde ich dich heute Abend?«

»Ich melde mich bei dir«, antwortet er mit rauer Stimme und lächelt geheimnisvoll.

»Moment mal, du hast meine Num-«, aber da haben sich die Aufzugstüren bereits geschlossen.

Vielleicht wird der Tag doch nicht so übel, wie ich gedacht habe.

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