Valentinstagsspecial 2017

Valentinstagsspecial – Calin Noell – Niemals Sekt, Mann!

 

Calin Noell – Niemals Sekt, Mann!

 

Genervt sah ich mich um und nippte lustlos an meinem Cocktail. Ich hatte ihn mir nur bestellt, um nicht so verloren zu wirken, wie ich mich gerade fühlte.

Er kommt nicht!

Diese Erkenntnis traf mich tief und ein dicker Klumpen Scham fraß sich durch meine Eingeweide. Wie konnte man auch nur so dumm und naiv sein wie ich?

Ich hatte wirklich geglaubt, er wollte sich als netter Nachbar erweisen, als er meinte, niemand sollte ausgerechnet am Valentinstag allein sein. Dennoch fragte ich mich von Anfang an, was so einer wie er eigentlich mit dieser Verabredung bezweckte.

Ich besaß nicht gerade die typischen Model-Maße! Mit einer Größe von 1,65 m und etwa 60 Kilo war ich zwar nicht fett, aber eben auch nicht ganz so gertenschlank. Mein blonder naturgelockter Bob und meine blauen Augen sorgten gemeinsam mit meinem chaotischen Wesen dafür, dass ich schnell als Freundin angenommen wurde, fast überall und ohne Schwierigkeiten. Ich war eben eher der Kumpel-Typ, auf jeder Party gern gesehen, ne heiße Affäre, ein kleines Stelldichein, kein Problem, so kam es mir jedenfalls vor. Doch für einen Mr. Right hatte es bisher nie gelangt.

Erneut schielte ich auf die Getränkekarte und schluckte hart. Achtunddreißig Euro, verdammt! Weshalb musste ich auch ausgerechnet heute mein Portemonnaie zuhause liegen lassen? Nicht einen einzigen Cent fand ich in meiner Tasche.

Unschlüssig nahm ich mein Handy in die Hand, legte es dann jedoch seufzend wieder auf den Tisch zurück. Ich wohnte gerade einmal drei Tage in Hamburg und kannte niemanden hier, der mir aushelfen konnte. Meine Arbeit begann erst am Montag und außer meinem Chef, den ich ganz sicher nicht anrufen würde, selbst wenn ich seine Nummer besäße und meinem Nachbarn, hatte ich noch keine weiteren Kontakte geknüpft.

Mein Nachbar, Eduardo … Idiot! Seinetwegen saß ich jetzt in dieser noblen Cocktailbar, statt Zuhause die restlichen Kartons auszupacken, und wusste nun nicht mehr, was ich tun sollte.

Abhauen? Tasche nehmen und raus, so schnell ich laufen kann?

»Verzeihen Sie! Hallo? … Entschuldigen Sie bitte …!«

»Hä?«, entgegnete ich überrascht und wandte mich der Dame zu, die nun an meinem Tisch stand. Verwirrt blickte ich zu ihr hinauf.

»Ein Herr bat mich, Ihnen dies hier zu bringen«, erklärte sie freundlich lächelnd und stellte ein Glas Sekt vor mir ab. Ausgerechnet …

»Wie bitte?« Natürlich hatte ich sie verstanden, ich war ja nicht taub, aber den Sinn begriff ich irgendwie nicht.

»Der Herr dort drüben«, wies sie mit dem Finger so unauffällig wie möglich in die entgegengesetzte Richtung. »Er möchte Ihnen einen ausgeben« Sie zwinkerte.

Stirnrunzelnd folgte ich ihrer Bewegung und sah mich um. So überfüllt, wie diese Bar war, benötigte ich einen Moment, um den besagten Herrn ausfindig zu machen. Als ich ihn erblickte, hob er plötzlich sein Glas an und prostete mir grinsend zu.

Er sah unglaublich gut aus, breite Schultern, schlanke Figur, ein schön geschnittenes Gesicht und schwarze Haare. Wie er da so stand, lässig an den Bartisch gelehnt, in seinem glänzend schwarzen Smoking, machte er durchaus was her, passte perfekt in diesen mega-spießigen Schickimicki-Laden.

»Ja genau dieser Herr!«, bestätigte die Bedienung sichtbar zufrieden und wollte sich abwenden. Ich lächelte.

»Moment!«, rief ich ihr hinterher und drückte ihr das Glas wieder in die Hand.

Wenn schon dreist, dann richtig!, dachte ich.

»Ich trinke keinen Sekt, niemals. Absolut widerliches Zeug! Aber ich bitte Sie, ihm in meinem Namen zu danken, und sollte er mir unbedingt etwas Gutes tun wollen, darf er gerne diesen Cocktail hier übernehmen!«

Ihr Anblick wäre sicherlich unbezahlbar gewesen, hätte ich ihn genießen können! Da ich jedoch noch immer befürchtete, dass der Besitzer die Polizei rufen würde, sollte ich nicht bezahlen können, gelang es mir nicht so recht.

Flehentlich sah ich sie an.

Erst wirkte sie schockiert, dann vollkommen erstaunt. Schließlich nickte sie grinsend, zwinkerte mir erneut zu und verschwand.

Als sie auch nach etwa zehn Minuten nicht zurückkehrte, haderte ich mit mir, ob ich mich noch einmal zu dem Lackaffen umdrehen sollte. Er würde es auf jeden Fall bemerken, wenn er nicht gerade in ein Gespräch vertieft war. Und ich kannte mein Glück – oder viel mehr mein Pech!

Leise fluchend drehte ich mich dennoch, langsam, als suchte ich etwas, entdeckte ihn jedoch nicht! Alle Zurückhaltung vergessend sah ich mich nun hektisch in dem Raum um.

Er ist weg!

Seufzend setze ich mich wieder richtig an den Tisch. Meine Fahrkarte hier raus hatte sich wohl vom Acker gemacht. Verdammt!

»Sie schulden mir noch Ihren Namen!«, erscholl es unvermittelt seitlich von mir und mein Kopf fuhr herum. Nur von dem Klang seiner Stimme überzogen sich augenblicklich meine Arme mit einer leichten Gänsehaut. Als ich jedoch in seine wunderschön funkelnden moosgrünen Augen starrte, wanderte sie weiter, meinen kompletten Körper hinab.

»Sie schulden mir Ihren Namen!«, wiederholte er leise lachend und setzte sich.

Allein seine raue Klangfarbe sorgte dafür, dass sich nun auch das allerletzte Härchen kerzengerade aufrichtete.

»Wie bitte?«, fragte ich belämmert, als besäße ich keinerlei Gehirnzellen mehr, weil die alle vollkommen mit dem Anblick des ultraheißen Mannes beschäftigt waren. Was war nur los mit mir hier in dieser Stadt? Ich war doch sonst nicht so auf den Mund gefallen, schon gar nicht bei solchen Typen!

»Wieso?«, schob ich immerhin noch schnell hinterher.

Das Leuchten seiner Augen schien sich beeindruckend zu verstärken. »Ihre Bedienung sagte mir, dass sie sich in Ihrem Namen«, er deutete auf mich, »bei mir bedanken soll … Also welchen Namen?«

Fassungslos starrte ich ihn an, nicht sicher, ob das jetzt ne echt dreiste Anmache war, oder tatsächlich so charmant, wie meine weibliche untere Region mir äußerst gerne weißmachen wollte.

»Caja«, lächelte ich und gab mir innerlich einen Tritt. Noch immer war er meine Fahrkarte hier raus, meine einzige!

»Oh ein wunderschöner nordischer Name. Die Reine, wie passend!« Er lachte. »Ich hab ein Faible für Vornamen und erforsche sie hin und wieder in meiner Freizeit«

Verstohlen musterte ich ihn. Meinte er das jetzt ernst und ich bildete mir den ironischen Unterton nur ein?

Mein Blick blieb an seinen kantigen Gesichtszügen hängen. Er musste etwa in meinem Alter sein, also so um die vierzig rum, plus minus. Seine Augen, die kleinen Fältchen seitlich, ließen erahnen, wie gern er lachte.

Ein neuerlicher innerlicher Tritt folgte, kräftiger diesmal, und brachte mich wieder in die Spur. Lackaffe, wie Eduardo! Der sah ebenfalls viel zu gut aus. Nichts für mich! Protzig, nach Geld, was konnte ich mit denen schon anfangen?

Gar nichts!

Hastig erhob ich mich. »Hat mich gefreut Herr … äh … ja. Sie haben meinen Namen, bitte sehr und danke für den Cocktail, der war wirklich lecker! Den Sekt«, stieß ich das Wort verächtlich hervor, »sollten Sie jemandem spendieren, der ihn zu würdigen weiß. Ich trinke niemals dieses widerliche Zeug! Ich muss los! Bye!«

Eilig schob ich mich von der Sitzbank, warf einen letzten Blick in seine Richtung und drängelte mich an den Leuten vorbei zum Ausgang. Die Erinnerung an sein überaus verdutztes Gesicht brachte mich zum Schmunzeln. Ich hatte es geschafft! Der Kerl tat mir fast schon ein wenig leid. Egal!

Endlich konnte ich nach Hause. Eduardo würde ich ignorieren. Wichtig war jetzt nur mein neuer Job!

 

Drei Monate später

Lachend fielen wir in unsere neu erkorene Stammkneipe ein. Ein Ort so originell und gemütlich, wie es nirgendwo sonst war. Das Haithabu-Hamburg, nicht weit von meiner kleinen Wohnung in Rahlstedt entfernt, bot für jeden etwas! Live-Bands, Jamsessions, Darts, Kicker oder einfach mal eine Runde Wett-Nageln.

Ausgestattet natürlich im Stil der Wikinger, alles aus Holz, sogar die Tischlampen besaßen die Form von Wikingerhelmen und die Wände waren mit entsprechenden Szenen bemalt. Hier passte einfach alles und lud zum Wohlfühlen und Verweilen ein! Nicht umsonst nannten viele es ‚Das Wohnzimmer der wilden Kerle‘!

Heute begleiteten mich vier meiner neuen Arbeitskollegen, die inzwischen tatsächlich zu meinen Freunden zählten. Marlon hatte Geburtstag und das wollten wir ordentlich feiern, schließlich war Freitag, Wochenende!

Wir bestellten eine Runde Met, das gehörte einfach zur Einstimmung dazu und Chris lachte über irgendetwas, das Larissa gesagt hatte, als plötzlich mein Name rau kratzend über meine Haut kroch.

»Caja?«

In atemberaubender Geschwindigkeit überzog sich mein gesamter Körper mit einer Gänsehaut und ich wandte mich ruckartig um.

Es war tatsächlich der lackaffige Sekt-Mann, wie ich ihn inzwischen nannte, und seit ich irgendwann meinen Kollegen von ihm erzählte hatte, benutzten auch sie diesen Spitznamen.

»Ähmm …«, stieß ich intelligent hervor und starrte zu ihm auf, sprachlos … fassungslos!

Da stand er nun vor mir und strahlte mich an, als gäbe es kein Morgen mehr, in einer abgewetzten Jeans, einem T-Shirt, auf dem ein fettes AC/DC Logo prangte, dazu Sneakers. Ich konnte es nicht fassen!

»Wer ist das?«, hörte ich Anna und drehte mich zu ihr um, öffnete meinen Mund, schloss ihn jedoch wieder, ohne dass ich einen einzigen Ton hervorbrachte.

»Diese Augen …«, warf Larissa leise verträumt ein, schrie aber nur einen Atemzug später plötzlich lauf auf. »O-h  m-e-i-n  G-o-t-t  C-a-j-a!«, zog sie jedes einzelne Wort schrill und lautstark in die Länge. »Sag jetzt nicht, dass er der lackaffige Sekt-Mann ist?!«, kreischte sie unbeherrscht, hielt sich dann aber immerhin hastig die Hand vor den Mund, leider nur viel zu spät!

Wenigstens wurde sie rot, nicht nur ein bisschen! Sie wirkte nun eher wie eine überreife Tomate und das löste endlich meine Starre. Ich lachte, lauthals und nickte schließlich bestätigend. Ihre Augen weiteten sich noch ein wenig mehr.

»Lackaffiger Sekt-Mann also ja?«, wiederholte er herausfordernd, sein Blick aber funkelte unübersehbar belustigt. »Mir wäre es lieber, ihr würdet mich zukünftig Markus nennen!«, endete er an alle gewandt, doch einzig meinen Blick hielt er fest.

Nun war es an mir, rot zu werden, das spürte ich deutlich. »Du hast mir deinen Namen nicht genannt!«, verteidigte ich mich. »Aber was machst du hier?«, schob ich neugierig hinterher.

»Mein Freund Tobi hat gleich ’nen Auftritt.«

Sein Blick gab mich noch immer nicht frei und meine Gänsehaut verstärkte sich. Ich ertrank förmlich in seinen moosgrünen Meeren.

»Er tritt hier regelmäßig auf und ich versuche, so oft wie möglich dabei zu sein«

»Na dann ist es ja gut, dass wir das Haithabu-Hamburg als unsere neue Stamm-Kneipe auserkoren haben, Sekt-Mann! Denn das bedeutet, wir werden uns von nun an öfter über den Weg laufen!«

Das Grinsen, das sich über seine Gesichtszüge legte, ließ mich nicht wieder los. »Oh ja, das werden wir ganz sicher, Miss ‚Ich trinke niemals Sekt, Mann!‘«

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