Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 9

 

Isa

Dienstag, 12. August 2014

»Ist er wenigstens heiß?«, fragte mich Pia und brach sich ein weiteres Stück von dem Cupcake ab, den ich ihr mitgebracht hatte.
Ich verdrehte die Augen: »Ist doch egal, ob er heiß ist oder nicht! Er ist ein Arsch und er will den Laden kaufen!«
Wir saßen in Pias kleiner Küche an ihrem Küchentisch und ich nippte an dem Weinglas, das vor mir stand.
»Er ist auf jeden Fall total eingebildet, arrogant und denkt, er könne mit seinem blöden Geld die Welt kaufen!«
»Boah, Isa, der Cupcake ist echt lecker! Den müsstest du bei dir verkaufen!«, nuschelte sie mit vollem Mund.
»Heute hab ich ihn im Park getroffen, und er ist mir richtig auf die Pelle gerückt.«
Pia ließ den Rest des Gebäcks in ihrer Hand auf den Tisch sinken und stöhnte laut, »Sag mal, hast du heute kein anderes Gesprächsthema, als diesen Makler? Der scheint dir ja ganz schön den Kopf verdreht zu haben!«
Empört riss ich die Augen auf und schüttelte mit dem Kopf, »Geht’s noch? Sicherlich nicht! Er nervt mich einfach nur!«
»Ja, klar! Und der Weihnachtsmann kommt an Ostern!«, sagte sie und zog eine Augenbraue in die Höhe.
»Ach, lass mich doch in Ruhe«, schmollte ich und sie lachte.
»Also, wann kann ich ihn kennenlernen?«
»Den Makler? Wieso willst du ihn kennenlernen?«, fragte ich sie verwirrt.
»Na ja, wenn du ihn nicht willst?«, lachte sie mich an und ich runzelte die Stirn. »Natürlich will ich ihn nicht, aber er ist auch nichts für dich«, antwortete ich ihr trotzig und genehmigte mir noch einen Schluck Wein.
Pia grinste und wechselte glücklicherweise das Thema. »Hast du Tom Bescheid gesagt? Kommt er auch?«
Ich nickte. »Ja, ich hab ihm vorhin eine Nachricht geschrieben. Er sollte eigentlich bald hier sein. Er wollte mir sowieso noch den Entwurf für die Webseite zeigen.«
»Habt ihr darüber gesprochen, wie du mehr Kunden in den Laden bekommen kannst?«
»Ich denke, wenn ich ein bisschen Werbung machen kann, wird das schon. Vielleicht stell ich mich in die Fußgängerzone und verteile ein paar Flyer, oder so.«
»Du solltest Mister Bean mitnehmen. Er sieht aus wie diese kleinen zotteligen Ponys, für die jeder spendet, weil sie einem leidtun«, lachte sie und ich musste mir ein Grinsen verkneifen.
Gerade lag er zu unseren Füßen und schnarchte wieder einmal vor sich hin. Während unserer großen Runde vorhin im Park hatte er versucht, die Stöckchen zu fangen, die ich ihm hingeschmissen hatte. Außer das er sich fast tollpatschig auf die Nase legte, hatte er keins davon wirklich gefangen. Den Namen Mister Bean trug er nicht einfach so. Den hatte er sich wirklich hart verdient.
Ich hörte ein Klingeln an der Haustür und Pia sprang auf. »Das ist wahrscheinlich Tom!«
Sie verschwand im Flur und ich schaute gedankenverloren aus dem Fenster.
Vielleicht sollte ich das Angebot doch annehmen. Meine Geldsorgen wären dann ein für allemal Geschichte, ich bräuchte nur einen anderen Job. Aber den fand ich sicherlich, mit meiner Erfahrung, die ich mir jahrelang angeeignet hatte.
»Hallo Isa!«, hörte ich Tom hinter mir und stand auf, um ihn zu begrüßen.
Ich drückte seinen schlaksigen, großen Körper an mich, »Hallo Tom! Schön, dass du auch da bist!«
Er lächelte und setzte sich mit Pia an den Tisch.
Pia schob ihm den letzten Cupcake zu, der sich noch auf dem Teller vor uns befand. »Hier, den musst du probieren! Vielleicht kannst du das auf der Webseite einbauen, um Werbung für Isas Backkunst du machen?«
Meine Wangen färbten sich rot. »Ach komm, du übertreibst! Ich hab doch nur ein neues Rezept ausprobiert. Obwohl ich echt hart dafür ackern musste, nachdem meine Rührmaschine den Geist aufgegeben hat.«
Tom schmatzte genüsslich, »Hm! Der ist echt gut! Davon solltest du mehr anbieten!«
»Okay, ich werd mir etwas einfallen lassen«, antwortete ich.
»Wie geht es dir eigentlich?«, wechselte Tom das Thema und Pia schaute mir sanft entgegen.
»Ganz okay. Ist ja nicht so, dass es nicht schon sieben Jahre her wäre. Ich denke natürlich immer noch an sie, aber es wird von Jahr zu Jahr besser.«
Pia schob ihre Hand über den Tisch und drückte meine Finger leicht, »Wir sind immer für dich da, das weißt du?«
»Ja, danke! Ihr seid die Besten«, nickte ich dankbar und lächelte beiden entgegen.
Ich konnte kaum fassen, dass es bereits so lange her sein sollte. So viele Jahre, in denen ich meine Eltern nicht mehr sehen konnte. Nicht mehr mit ihnen sprechen oder sie um Rat bitten konnte.
Ich vermisste sie, das würde sich wohl nie ändern.
Wenn ich daran dachte, wie es dazu kam, wallte immer noch Wut in mir auf. Hätte ich damals meinen Vater nur einige Minuten länger am Telefon gehalten! Wären sie nur zehn Minuten später losgefahren, hätte der besoffene Lastwagenfahrer wahrscheinlich jemand anderen erwischt. Natürlich war ihm selbst nicht sehr viel passiert. Er hatte noch nicht einmal eine hohe Strafe erhalten. Lediglich den Führerschein hatte er verloren. Hätte ich sie doch nur an dem Abend länger aufgehalten, anstatt ihnen einfach nur eine gute Nacht zu wünschen.
Aber das Stadium, in dem ich mich nach dem hätte und wenn fragte, hatte ich bereits hinter mir gelassen. Jetzt tat es einfach nur noch weh.

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