Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 8

 

Max

Dienstag, 12. August 2014

Leise klopfte ich an die Tür zu Herr Lübkes Büro und drückte die Klinke nach unten, nachdem ich sein »Herein!« vernahm.
»Ah, Herr Brandl. Schön Sie zu sehen! Sie wollen mir sicher die unterschriebenen Verträge der Schwanstrasse bringen, oder?«
Etwas beschämt schloss ich die Tür hinter mir und setzte mich in den ledernen Sessel vor seinem Schreibtisch. Mein Blick schweifte kurz zur Fensterfront und glitt über die Skyline der Stadt, die man aus der Höhe unseres Stockwerkes fabelhaft sehen konnte. Ich seufzte und meine Augen wanderten wieder zu seinem Gesicht. »Nicht ganz. Eigentlich wollte ich Ihnen berichten, dass es etwas länger dauert, als gedacht«, sagte ich und schaute ihm fest entgegen, damit er nicht sah, wie unangenehm mir diese Erkenntnis war.
Er runzelte die Stirn und lehnte sich in dem hohen Schreibtischstuhl zurück.
»Definieren Sie ‚länger‘!«, sagte er und zog eine Braue nach oben.
»Die Inhaber sind sturer, als gedacht. Vielleicht sollten wir uns eine andere Taktik überlegen. Etwas, womit der Verkauf für Sie ebenso attraktiv wird.«
»An was haben Sie gedacht?« Herr Lübke verschränkte die Arme vor der Brust. Ich wusste genau, was er eigentlich fragen wollte. Was kostet uns das?
»Ich dachte daran, den Inhabern einen Platz innerhalb des neuen Einkaufszentrums anzubieten.«
»Das war bisher nicht Teil des Deals, Herr Brandl«, sein Blick wurde immer skeptischer.
»Nein, bisher nicht. Aber vielleicht könnten wir zumindest so tun, als ob wir uns um eine Lösung bemühen. Ob am Ende einer von den Läden eine Zukunft im Shoppingcenter hat, ist ja erstmal nicht von Belang«, beantwortete ich ihm seine Befürchtungen.
Ich konnte natürlich ein Stück weit verstehen, dass die Menschen dort Angst hatten, ihre Jobs zu verlieren. Aber andererseits war es manchmal im Leben einfach unvermeidbar, den Kürzeren zu ziehen. Die Großen fraßen die Kleinen. Einfaches Naturgesetz.
»Okay, das hört sich gar nicht mal so schlecht an. Organisieren Sie alles dafür, aber beeilen Sie sich. Ich hoffe wirklich, dass ihr Plan aufgeht! Wir haben noch 3 Wochen, bevor sich der Bauunternehmer zurückzieht. Und Sie wissen genau, was es für Sie bedeutet, wenn der Deal platzt?«
Ich nickte ihm zu und räusperte mich, damit meine Stimme überzeugender klang, wie ich mich fühlte. »Ja, natürlich!« Dann konnte ich meinen Posten als Partner vergessen, beantwortete ich seine Frage im Geiste.
Nachdem wir uns verabschiedet hatten, ging ich aus seinem Büro und atmete tief ein und langsam wieder aus. Ich musste die Gewissensbisse, die mich plötzlich plagten, zur Seite schieben. Es war ja nicht so, dass ich irgendjemandes Leben wirklich zerstörte. Jeder von den Ladenbesitzern könnte sich doch danach einfach ein anderes Geschäft suchen. Es war doch sicherlich egal, wo dieses stand!
Außerdem, was war ich für ein lausiger Makler, wenn ich ein Gewissen hatte? Das war der Deal meiner gesamten Karriere, und ich machte mir Gedanken um irgendwelche nichtigen Kleinunternehmer?
Ich lockerte meine Krawatte und verließ auf direktem Weg das Gebäude, denn es gab nur eines, das ich unbedingt brauchte, um abzuschalten. Eine Laufeinheit sollte mir meinen klaren Kopf zurückbringen.

Meine Brust hob und senkte sich unter meinen schneller werdenden Atemzügen. Die Turnschuhe an meinen Füßen prallten auf den Schotter unter mir und ich hatte bereits die dritte Runde um den kleinen Tümpel im Park, nahe meiner Wohnung, geschafft.
Plötzlich schob sich in mein Blickfeld ein sehr ansehnliches Hinterteil, in einer sehr engen Jeans. Mein Blick wanderte herunter, an den langen Beinen entlang und wieder nach oben über ihren Rücken, bis zu dem wippendem braunen Pferdeschwanz, der sich von links nach rechts bewegte, während sie weiter vor mir herging.
Moment mal! War das nicht die kleine Bäckerin? Ich hatte sie bisher nur hinter der Theke, mit einer Schürze bekleidet, gesehen, aber was ich nun sah, gefiel mir zusehends besser.
Ein Schmunzeln erschien auf meinen Lippen und ich legte noch einen Zahn zu, um sie zu erreichen.
»Ach, wenn das mal nicht Frau Dietrich ist«, rief ich, damit sie auf mich aufmerksam wurde. Sie drehte sich um. An ihrem Blick erkannte ich, dass sie nicht mit mir gerechnet hatte. Und daran, dass sie sich einfach wieder, ohne ein Wort, herumdrehte. Mein Grinsen wurde größer, denn so leicht ließ ich mich nicht abschütteln.
Ich verlangsamte mein Tempo und betrachtete ihre Silhouette von der Seite.
»Kein hallo heute?«, fragte ich sie feixend.
»Hallo«, antwortete sie barsch und drehte sich von mir weg. Ich erinnerte mich an unsere erste Begegnung in ihrem Laden, bei dem sie mich mit ihren verstohlenen Blicken gemustert und förmlich ausgezogen hatte und jetzt diese abweisende Art? Ich musste Sie unbedingt irgendwie aus der Reserve locken, denn ohne dass sie es musste, würde sie sicherlich nicht freiwillig mit mir reden.
Also streckte ich meine Hand aus und sie blieb stehen. »Max. Das Sie ist doch etwas förmlich oder?«
»Ich finde das Sie eigentlich schon sehr angemessen, Herr Brandl«, antwortete sie und ich ließ resigniert die Hand sinken. Stures kleines Stück.
»Mir reicht ihr Angebot von heute Morgen und ich werde meine Meinung nicht ändern. Auch nicht, wenn Sie versuchen, Süßholz zu raspeln«, redete sie weiter und ich musste ertappt lachen. Faktisch hatte sie es sehr treffend formuliert, trotzdem antwortete ich ihr: »Ich hatte nicht vor, Süßholz zu raspeln. Eigentlich hatte ich Sie von der Ferne aus gesehen und wollte nur hallo sagen.«
Sie verdrehte die Augen und innerlich grinste ich dämlich, über ihre trotzige Art, in mich hinein.
»Na dann, dass haben Sie ja erledigt. Jetzt können Sie weiter joggen und an einem weit entfernten Ort andere Leben zerstören« Ich musste ihrer Widerborstigkeit irgendwie den Hahn abdrehen. Schnell trat ich vor sie, bevor sie wieder weitergehen konnte. Sie musterte mein Gesicht, ihr Blick wanderte über meine Lippen bis zu meinen Augen und ich spürte, wie sich ihr Körper anspannte.
Mir war durchaus bewusst, dass ich in ihren persönlichen Bereich eingetreten, ihr viel zu nah war und sagte ruhig,  »Ich möchte keine Leben zerstören. Ich mache nur meinen Job. Tut mir leid.« Denn das tat es mir auf einmal wirklich. So sah sie das also? Das ich ihr Leben zerstörte? Aber es war doch nur ein Geschäft!
Ihre Stimme zitterte. »Dann machen Sie ihren Job bitte woanders.« Sie ging energisch an mir vorbei.
Verdattert blieb ich stehen. Ich war ihr schon nah genug getreten und hatte nicht mit ihrer verletzten Reaktion gerechnet.
Bevor ich noch weiter darüber nachdenken konnte, sah ich auf die Uhr. Höchste Zeit nach Hause zu laufen, denn Paula würde in einer Stunde vorbeikommen und ich musste unbedingt noch das Abendessen vorbereiten.

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