Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 7

 

Isa

Dienstag, 12. August 2014

Da heute so oder so anscheinend kein Gast mehr meinen Laden betrat, beschloss ich, etwas früher Feierabend zu machen und zu den anderen Inhabern der Läden unserer Straße zu gehen. Mister Bean konnte ebenfalls einen kleinen Spaziergang gebrauchen, so legte ich ihm sein blaues Halsband um und animierte ihn, mit mir mitzukommen. Nach einem letzten Brummen erhob er sich endlich träge und wir gingen hinaus in die Sonne. Die Wärme kitzelte angenehm die Haut meiner nackten Arme.
Wir liefen über den Bürgersteig auf den Kiosk in der Nähe meines Ladens zu, und ich entdeckte das grau-braune Haar der Besitzerin innerhalb des kleinen Raumes.
»Hallo Renate«, begrüßte ich sie und stützte mich auf der Auslage ab. Im Augenwinkel beobachtete ich meinen Hund, der sich konzentriert schnuppernd den Weg von einem zum anderen Baum bahnte.
»Hallo Schätzchen! Wie geht’s dir?«, erwiderte sie und erhob sich aus ihrem Stuhl.
»Gut danke. Weshalb ich hier bin: Hast du auch Besuch von einem Makler gehabt, der dir deinen Laden abkaufen möchte?«
Sie nickte und zog sich eine Zigarette aus einer Schachtel in ihrer Hand. Nach einem tiefen Atemzug blies sie den Rauch an mir vorbei und krächzte heiser: »Oh ja, den hatte ich! Erst heute Morgen war er wieder hier. Aber ich habe ihm gleich gesagt, dass er direkt wieder verschwinden kann!«
»Gut!«, bestätigte ich ihre Aussage, »Ich glaube nur, er wird leider nicht locker lassen.«
»Ja, so etwas habe ich mir schon gedacht, Süße. Aber mach dir keine Sorgen, ich habe schon mit den anderen gesprochen und die werden ebenfalls kämpfen.« Sie hustete den Rauch erneut aus und ich ging einen Schritt zurück, um nicht die volle Ladung abzubekommen. »Danke Renate. Vielleicht können wir uns morgen alle zusammensetzen und uns Gedanken darüber machen. Ich lass mir etwas einfallen. Ich wünsch dir noch einen schönen Abend!« Sie lächelte mich an und hob die Hand. »Danke Schätzchen, dir auch!«
Nachdem ich Mister Bean zu mir gerufen hatte, ging ich in den Park, der sich direkt am Ende unserer Straße befand.
Der Kies auf dem Weg knirschte unter meinen Sneakers, als ich ihn betrat, gedankenverloren lief ich den Weg an dem kleinen Teich in der Mitte entlang. Enten schnatterten und ich hörte Kinder, die auf dem nahegelegenen Spielplatz spielten. Beide hatten es gut.
Die einen konnten sich von dem Brot der Parkbesucher den Bauch vollstopfen, die anderen mussten sich nur darüber Gedanken machen, welches Spiel sie als Nächstes spielten.
Hätte ich in diesem Alter gewusst, was alles auf mich zukommen würde, wenn ich erwachsen war, ich hätte nicht gewusst, was ich dann gemacht hätte.
Wie ein heißer Stich schoß mir das heutige Datum in den Kopf. Es war der 12. August.
Ein Tag vor dem Datum, an dem sich der schreckliche Unfall meiner Eltern ereignete.
Plötzlich fühlte ich mich einsam und dachte an Pia und Tom. Vielleicht könnten wir heute etwas zusammen unternehmen. Sie erinnerten sich jedes Jahr an diesen Tag und versuchten, mich so gut es ging abzulenken. Auch dieses Jahr, würde ich unbedingt ihre Hilfe brauchen, um nicht ständig daran zu denken.
»Ach, wenn das mal nicht Frau Dietrich ist«, hörte ich hinter mir eine dunkle Stimme und drehte mich perplex um. Na klasse, was machte der denn hier?
Der Makler joggte auf direktem Weg auf mich zu und grinste über das ganze Gesicht. Er trug eine schwarze Jogginghose, die locker auf seinen Hüften saß und ein graues Sportshirt, unter dem sich seine Muskeln deutlich sichtbar abbildeten.
Seine Haare standen verstrubbelt zu allen Seiten ab, und ich musste wieder einmal zugeben, dass dieser Anblick wirklich etwas an sich hatte.
Ich drehte mich wieder um und ging weiter meines Weges, während er langsamer wurde und neben mir aufschloß.
»Kein Hallo heute?«, sagte er zu mir und ich sah sein spöttisches Grinsen in meinen Augenwinkeln.
»Hallo«, antwortete ich ihm unfreundlich und hielt Ausschau nach Mister Bean.
Der Makler streckte seine Hand vor meinen Oberkörper. Unvermittelt blieb ich stehen und schaute ihn fragend an. »Max. Das Sie ist doch etwas förmlich oder?«, sagte er und lächelte mir nett entgegen.
Ich wusste genau, was er vorhatte. Er wollte mich mit seiner Art um den Finger wickeln, damit ich Vertrauen schöpfte und einknickte. Das konnte er allerdings sowas von vergessen.
»Ich finde das Sie eigentlich schon sehr angemessen, Herr Brandl«, antwortete ich ihm bissig und ging weiter, ohne seine Hand zu nehmen, welche er daraufhin direkt sichtlich enttäuscht sinken ließ.
»Mir reicht ihr Angebot von heute Morgen und ich werde meine Meinung nicht ändern. Auch nicht, wenn Sie versuchen, Süßholz zu raspeln«, sagte ich und war überrascht über meine direkte Ansage. Normalerweise war das nicht meine Art, schroff und unhöflich, aber er wollte mir schließlich definitiv an den Kragen. Bildlich gesehen. Leider.
Er lachte, »Ich hatte nicht vor, Süßholz zu raspeln. Eigentlich hatte ich Sie von der Ferne aus gesehen und wollte nur hallo sagen.«
Ich schaute zu Boden und verdrehte die Augen. Klar. Nur hallo sagen. Dachte er denn, ich war dämlich?
»Na dann, dass haben Sie ja erledigt. Jetzt können Sie weiter joggen und an einem weitentfernten Ort andere Leben zerstören«, rutschte mir heraus und insgeheim ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich den letzten Satz viel zu schnippisch herausgebracht hatte und eigentlich gar nicht sagen wollte.
Plötzlich trat er vor mich und mir blieb keine andere Möglichkeit, als stehenzubleiben, wollte ich nicht in ihn hinein rennen. Ich hob meinen Kopf und sah in seine grünen Augen. Kurz stockte mein Atem von der Intensität seines Blickes und ich erwischte mich dabei, wie ich mir wünschte, er würde einfach seine Arme um mich schlingen und mich an ihn ziehen. Seine Brust hob und senkte sich unter seinen tiefen Atemzügen und ich schluckte hart den Kloß in meinem Hals herunter, den seine Nähe hervorrief.
»Ich möchte keine Leben zerstören«, sagte er ruhig, »Ich mache nur meinen Job. Tut mir leid.«
Er entschuldigte sich? Für was? Dafür, dass er nicht locker lassen würde? Oder dafür, dass er es überhaupt versucht hatte?
Leider änderte dies nichts an der Tatsache, nämlich, dass ich weiterhin nicht verkaufen würde.
Nach einem »Dann machen Sie ihren Job bitte woanders«, ging ich an ihm vorbei und rief Mister Bean zu mir.
Ich merkte, dass er mir nicht mehr folgte, während ich mich weiter von ihm entfernte, und ich war erleichtert und enttäuscht zugleich.
Ich fischte mein Handy aus meiner Jeanstasche und wählte aufgewühlt die Nummer meiner besten Freundin.
»Hallo?«, erklang ihre Stimme.
»Püppi? Hast du heute Abend Zeit?«, antwortete ich ihr und freute mich über ihr direktes und eindeutiges Ja!

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