Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 6

 

Max

Dienstag, 12. August 2014

Ich trat vor dem Frisörsalon auf die Straße, und ließ laut meine Luft aus den Lungen entweichen. Heute Morgen war ich mir sicher gewesen, mindestens zwei Läden einkaufen zu können. Der Schuhmacher war schon lange über seinem Rentenalter, und hätte sich solch eine Chance eigentlich nicht entgehen lassen dürfen. Ich hatte bei meinem Besuch allerdings den Eindruck, dass er nur so tat, als würde er mich nicht verstehen. Als er nämlich ein Telefonat entgegengenommen hatte, war keine Spur mehr von seiner gezeigten Taubheit zu hören und auch seine Stimmlautstärke war alles andere als unnormal.
Bei dem Frisör hatte ich ebenfalls kein Glück. Er erzählte mir irgendetwas von Stammkundschaft, und wie schwer er es auch ohne meine Kaufabsichten hätte. Meine Erklärungen wollte er nicht hören und arbeitete sich weiter durch seinen einstündigen Monolog.
Die Trinkhallenbesitzerin war auch nicht gerade kooperativ. Als sie mich sah, schloss sie die Öffnung ihres Verkaufsstandes, so stand ich vor verschlossenen Türen und Fenstern.
Der letzte Versuch für heute sollte die Kleine in der Backstube sein. Vielleicht hatte ich Glück und konnte mit ihrem Chef sprechen. Ich hoffte auf ein Gespräch von Geschäftsmann zu Geschäftsmann.
Tief durchatmend drückte ich die Glastür auf und erkannte ihren hellbraunen Schopf hinter dem Tresen. Sie trug heute ein lockeres weißes Shirt, unter dem stellenweise ihr dunkler BH leicht durchblitzte, und darüber eine weinrote Schürze mit dem Aufdruck Kein Kuchen ist auch keine Lösung. Ich konnte mir ein Grinsen nicht unterdrücken, ging auf sie zu und fixierte sie mit meinem Blick. An ihrer Reaktion und den leicht geröteten Wangen, sah ich meine Wirkung auf sie. Wenn ihr der Laden gehören würde, wäre es ein Leichtes, den Vertrag unter Dach und Fach zu bringen.
»Guten Morgen!«, sagte ich und hörte ihre Antwort wie aus der Pistole geschossen, »Guten Morgen! Na, nicht genug von meinem Gebäck bekommen?«
Was hatte sie gesagt? Ich räusperte mich und unterdrückte krampfhaft ein Lachen. Sie war wirklich reizend. Vielleicht etwas schüchtern, aber was sagte man noch von stillen Wassern?
Ihre Wangen nahmen nun die Farbe ihrer heutigen Schürze an und ich sah, wie unangenehm ihr der Spruch war, deshalb antwortete ich schnell: »Das natürlich auch, aber ich komme heute noch aus einem anderen Grund.« Aus der Innentasche des Sakkos zog ich meine Visitenkarte und übergab sie ihr. Sie las die Zeilen und ihre Stirn runzelte sich leicht, was mich komischerweise etwas nervös machte.
Aus einem unerfindlichen Grund wollte ich nicht, dass sie mich abstempelte. Denn das taten viele Menschen, wenn sie meinen Beruf erfuhren. Aber war das auch ein Wunder? Mein Chef war nicht bekannt dafür, dass er arme Kinder von der Straße holte oder Familien in ihrer Not half. Nein, genau das Gegenteil war der Fall. Er war sogar der Auslöser für dieses Elend. Und ich gehörte bald dazu.
Sie schaute wieder nach oben und ich sah die Verwirrung in ihrem Blick, »Und wie kann ich Ihnen helfen?«
Ich zog den vorbereiteten Prospekt aus der Tasche und legte ihn ihr vor die Nase.
»Ich bin hier im Auftrag meines Chefs Oliver Lübke. Wir sind verantwortlich für den Bau eines neuen Einkaufszentrums in Frankfurt und halten Ausschau nach geeigneten Standorten dafür. Und, glücklicherweise konnten wir diese Straße hier, als perfekt dafür auszeichnen und möchten den Inhabern ein Angebot unterbreiten. Ist der Chef auch zu sprechen?«, fragte ich und durchsuchte den restlichen Laden mit neugierigem Blick. Ihr hübsches Gesicht schob sich vor mein Blickfeld, ihre kastanienbraunen Augen funkelten und ich musste mir ein weiteres Lächeln unterdrücken, »Ja, zufällig steht der vor Ihnen. Isabell Dietrich.«
Oh! Damit hatte ich nicht gerechnet. Sie war die Chefin? Na, das würde es bedeutend einfacher machen. Jetzt musste ich sie nur noch um den Finger wickeln. Ich streckte ihr meine Hand hin, die sie glücklicherweise direkt ergriff.
Meine Finger zuckten, nachdem sie auf ihre Haut trafen und ich hätte sie gerne noch etwas länger berührt, aber leider zog sie ihre Hand auch schon wieder zurück und sagte: »Aber … der Laden ist nicht zu verkaufen. Dankeschön. Sie brauchen mir kein Angebot zu machen.«,
Na klar, das sagen alle! Bis sie den Preis hören. »Ich denke schon. Ich glaube, sie wissen nicht, um welche Höhe es sich bei dem Angebot handeln wird.«
»Unverkäuflich«, sagt sie weiterhin fest und ich war überrascht. Auf einmal wirkte sie auf mich nicht mehr so süß und unschuldig. Im Gegenteil. Wie sie die Arme vor ihrer Brust verschränkt hatte und mich herausfordernd ansah.
»Okay, Sie haben meine Karte, falls Sie es sich anders überlegen. Ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder«, sagte ich und zwinkerte ihr noch zu.
Nachdem ich ihr einen schönen Tag gewünscht hatte, verließ ich den Laden umgehend. Sollte sie sich in Sicherheit wiegen, aber ich würde sicherlich bald die Zügel anziehen.

Ich lief zu meinem Auto, um im Büro vorbeizufahren und noch einiges an Papierkram zu erledigen.
Dort angekommen lief ich durch den Eingangsbereich und lächelte Melanie, unserer Empfangsdame hinter dem Tresen, zu.
»Hallo Max!«, säuselte sie mir entgegen und ich blieb kurz vor der Empfangstheke stehen.
»Hallo Melanie. Gut siehst du aus, wie geht es dir heute?« Sie strich sich verlegen eine blonde Haarsträhne hinter die Ohren und lächelte. »Gut, wie immer. Aber mir würde es noch besser gehen, wenn du mich nochmal anrufen würdest!«
Ich lachte. Im letzten Jahr waren wir einmal zusammen ausgegangen. Bis über die Vorspeise waren wir nicht gekommen und waren dann direkt im Anschluss daran zu mir gefahren. Es war nett. Aber mehr auch nicht.
»Ganz bestimmt. Ich muss los, wir sehen uns«, sagte ich, zwinkerte ihr zu und ging zu den Aufzügen.
Dort angekommen lehnte ich meinen Rücken gegen die Wand und ließ meinen Blick nachdenklich schweifen. Natürlich hatte ich mein Leben genossen, viele Partys gefeiert, viele Frauen kennengelernt aber bisher waren das alles eher oberflächliche Bekanntschaften. Nichts, bei dem es sich gelohnt hätte, tiefer nachzuhaken.
Aber vielleicht lag das auch an mir und meinem Beuteschema, dem ich immer wieder verfiel. Je leichtgläubiger die Frauen waren, je einfacher war es, sie hinterher wieder abzuschütteln. Mittlerweile spürte ich jedoch immer häufiger eine Müdigkeit tief in mir. Wenn ich an die Abende in Bars und Kneipen dachte, wiederholte sich das Spiel doch auf immer wiederkehrende Weise und wurde stets langweiliger.
Das Ping bedeutete mir meine Ankunft im zwanzigsten Stockwerk unseres Immobilienbüros und ich lief über den Flur zu meinem Chef.

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