Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 5

 

Isa

Dienstag, 12. August 2014

Leider hatte sich heute einzig ein älteres Ehepaar zu mir verirrt. Die beiden saßen an einem der hinteren Tische und ich beobachte sie leicht lächelnd aus den Augenwinkeln.
Sie lachten und scherzten, fütterten sich gegenseitig mit dem Kuchen wie verliebte Teenager, und ich freute mich für sie.
Die Bewegungsmelderkatze miaute und meine Augen wanderten zur Tür. Ich erstarrte in der Bewegung und mein Herz machte einen aufgeregten Hüpfer. Er war wiedergekommen. Und heute, mit einem Anzug bekleidet, wahnsinnig sexy.
Er grinste mir entgegen und ich erwiderte es, mit der Absicht, heute nicht wie ein nervöses Wrack aufzutreten.
»Guten Morgen!«, sagte er und ich antwortete ihm: »Guten Morgen! Na, nicht genug von meinem Gebäck bekommen?«
Seine Mundwinkel zuckten und ich sah ihm an, dass er sich zusammenreißen musste, um nicht laut loszuprusten. Was hatte ich mir denn dabei gedacht? Nicht genug von meinem Gebäck bekommen? Konnte mir noch etwas Dämlicheres einfallen? Oh Gott, heute hatte ich es ganz sicher verdorben! Ich war so schlecht in Small-Talk, wie man nur sein konnte!
Ich spürte, wie die Röte in mein Gesicht schoß und war ihm dankbar dafür, dass er gleich darauf das Gespräch wieder aufnahm. »Das natürlich auch, aber ich komme heute noch aus einem anderen Grund«, antwortete er und ich runzelte die Stirn. Was meinte er denn damit?
Er kramte mit der Hand in der Innentasche des Jacketts und zog eine kleine quadratische Karte hervor. Ich nahm sie entgegen, nachdem er sie mir über den Tresen reichte und las darauf, Max Brandl. Immobilienmakler. Lübke Immobilien GmbH.
Darunter standen eine E-Mail-Adresse und eine Handnummer, alles in goldener Schrift auf edlem, grauem Papier gedruckt.
Verwirrt hob ich den Kopf und fragte: »Und, wie kann ich Ihnen helfen?«
Er tastete erneut in seiner Tasche und zog einen Prospekt heraus, den er vor mir auf den Tresen ablegte. Mein Blick wanderte wieder nach oben zu seinem Gesicht, als er weitersprach: »Ich bin hier im Auftrag meines Chefs Oliver Lübke. Wir sind verantwortlich für den Bau eines neuen Einkaufszentrums in Frankfurt und halten Ausschau nach geeigneten Standorten dafür. Glücklicherweise konnten wir diese Straße hier als perfekt dafür ausmachen und möchten den Inhabern ein Angebot unterbreiten. Ist der Chef auch zu sprechen?«, fragte er und schaute an mir vorbei Richtung Backstube, die etwas weiter innerhalb des Raumes lag.
Ich räusperte mich und schob meinen Kopf vor seinen, »Ja, zufällig steht der vor Ihnen. Isabell Dietrich.«
Kurz sah ich Verdutzen in seiner Miene aufflammen, danach streckte er mir grinsend die Hand hin. Nachdem ich seine Finger ergriffen hatte, spürte ich seine erstaunlich weichen Hände. Natürlich. Die ganz typische Haut eines Bürohengstes. Der starke Händedruck und sein Blick, der sich förmlich in meine Augen bohrte, brachten mich total aus dem Konzept und ich entzog ihm räuspernd meine Hand, weil er diese ein wenig länger als nötig gehalten hatte.
»Aber, …«, setzte ich an, » … der Laden ist nicht zu verkaufen. Dankeschön. Sie brauchen mir kein Angebot zu machen.« Er lachte kurz auf, als hätte ich einen Witz gemacht, und grinste siegessicher, »Ich denke schon. Ich glaube, sie wissen nicht, um welche Höhe es sich bei dem Angebot handeln wird.«
Ich stockte kurz. Würde das meine Geldsorgen, die mich seit Jahren begleiteten, beseitigen? Aber, könnte ich das Geschäft überhaupt verkaufen? So oft hatte ich darüber nachgedacht, kam jedoch immer zum gleichen Entschluss.
»Unverkäuflich«, beantwortete ich seine Frage fest und verschränkte die Arme vor der Brust.
»Okay, Sie haben meine Karte, falls Sie es sich anders überlegen. Ich bin mir sicher, wir sehen uns wieder. Einen schönen Tag noch«, wünschte er lächelnd, drehte sich selbstbewusst um, und verließ die Bäckerei.
Schade. Hätte ich einmal Glück haben können und ein gutaussehender Typ würde wegen mir hierherkommen? Nein, natürlich nicht. Er wollte nur meinen gesamten Laden kaufen, mein Leben und meine Existenz. Was dachte er sich dabei?
Aus diesem Blickwinkel wirkte seine souveräne Art nur noch überheblich und nicht mehr sehr anziehend.
Ich seufzte und mein Blick wanderte auf den Prospekt, der immer noch vor mir lag. Mit spitzen Fingern schlug ich ihn auf und erkannte über die komplette Länge des Papiers ein Modell des Einkaufszentrums mit Beschreibung der Geschäfte.
Hatte unsere Stadt nicht genug von diesen riesigen Ungetümen, die alle gleich aussahen? Sollten nicht eher die kleinen Geschäfte erhalten und gefördert werden, wie die Altbauten hier im Viertel?
Ich musste unbedingt nach Ladenschluss mit den anderen in der Straße reden. Wenn er bei mir gewesen war, hatte er ihnen sicherlich ebenfalls ein Angebot gemacht und es galt herauszufinden, wie hoch dieses war. Nicht auszudenken, wenn sie irgendetwas unterschrieben und ich alleine dastünde.
Mit der Hand schob ich den Flyer in den Mülleimer unter der Ladentheke und ging in die Backstube, um einige neue Rezepte auszuprobieren.
Vielleicht brachte das neue Gäste hier her. Konnte doch nicht so schwer sein, etwas Besonderes zu finden, was allen schmeckte.
Nachdem ich alle Utensilien und Zutaten auf der Arbeitsplatte verteilt hatte, zog ich meinen Pferdeschwanz straff, steckte den Stromstecker der Rührmaschine in die Steckdose und drückte den An-Schalter.
Unmittelbar danach erfolgte ein Geräusch des Rührers, welches eindeutig nicht gesund zu sein schien, begleitet von einer kleinen dunklen Rauchwolke aus den Lüftungsschlitzen. Die Lichter innerhalb des Ladens erloschen, was wohl durch die herausgesprungene Sicherung kam.
Das konnte jetzt doch nicht wahr sein! Eine neue Maschine kostete sicherlich einige Hunderter und eindeutig mehr, als ich derzeit aufbringen konnte. Aber ohne diese war ich aufgeschmissen. Backen ohne rühren ging nicht! Ich musste ständig rühren! Alles!
Mit trägen Schritten lief ich in den Keller an den Sicherungskasten und mein Blick blieb an dem massiven Stahlregal hängen, welches inmitten des Raumes stand. Auf der mittleren Ablage lag die alte Bohrmaschine meines Vaters. Passte der Rührstab in die Öffnung? Könnte ich vielleicht … Ich schüttelte den Kopf. Idiotische Idee! Wenn das ein Kunde sah, war ich geliefert. Seufzend drückte ich die Sicherung wieder rein und ging frustriert zurück in den Laden.

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