Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 4

 

Max

Montag, 11. August 2014

An die Bar gelehnt bestellten wir uns noch eine weitere Getränkerunde. Nachdem ich heute Vormittag wie geplant die Straße besichtigt hatte, war ich noch in unser Büro gefahren und hatte meinem Chef davon berichtet.
Natürlich wollte er Ergebnisse sehen, am liebsten in Form von unterschriebenen Kaufverträgen. Aber das an einem ersten Tag zu fordern war mehr als größenwahnsinnig.
Er wusste selbst genauso gut wie ich, dass die Geschäfte seit Jahren in Familienhand waren und ich noch einiges an Überzeugungsarbeit leisten musste, um die Standorte einkaufen zu können.
Vor allem freute ich mich darauf, Arbeit in diese Bäckerei zu stecken. Meine Gedanken wanderten zu den großen braunen Augen und ihrem verträumten Blick, und ich musste unkontrolliert lächeln. Natürlich kannte ich die Reaktion der Frauen auf mich, aber bei dieser Kellnerin fand ich es besonders reizend. Vielleicht lud ich sie morgen zum Essen ein und konnte sie danach noch mit zu mir nehmen. So, wie sie mich angesehen hatte, sagte sie sicherlich nicht nein.
Nach dem Gespräch vorhin mit Herrn Lübke war ich zu meinem Kollegen Jan gegangen, weil ich Lust auf ein Bier hatte und wusste, dass er in der Regel einem kühlen Drink nicht abgeneigt war.
Nun standen wir vor der dunkelbraunen Theke und begutachteten die heutigen potentiellen Eroberungen.
»Schau dir die da hinten an! Da, die zwei Brünetten«, sagte Jan und schubste mich auffällig mit dem Ellenbogen an.
Mir war bereits aufgefallen, dass die Frauen ständig zu uns rüberschauten und ich nickte den beiden leicht zu, hob mein Glas und prostete in die Luft.
Die Rechte griff zu ihrer Tasche und kramte ein Handy hervor, ließ uns aber nicht aus den Augen, während sich ihre Lippen bewegten und sie irgendetwas in den Hörer sagte. Hoffentlich rief sie noch mehr ihrer heißen Freundinnen an, das konnte gut werden.
Nach einigen Minuten legte sie auf und wir witterten unsere Chance. Ich bestellte beim Barkeeper zwei Aperol-Sekt als Einstieg und pfiff Jan zu, damit er mir folgte.
Das Tuscheln der beiden wurde hektischer und sie richteten sich wie unterbewusst die Haare und den Ausschnitt.
»Hallo Ladys!«, sagte ich und hielt den Brünetten die Sektkelche entgegen. Sie lächelten und nahmen mir die Getränke aus der Hand. Wir prosteten ihnen zu, und während sie an dem Glas nippten, beobachtete ich sie mit eindringlichem Blick. Der zog bisher immer bei Frauen, da war ich mir sicher.
Ich hob meine freie Hand zum Gruß: »Max, freut mich, euch kennenzulernen!«
»Pia, ebenfalls! Und das ist meine Kollegin Bea«, antwortete die eine und zeigte auf ihre Freundin links von sich. Weil ich sah, wie diese Pia immer wieder Jan fixierte, wand ich mich an die andere und ließ meinem Kollegen freie Bahn. Grundsätzlich war es mir egal, welche ich abbekam, denn sie waren beide ganz ansehnlich.
»Und ihr seid Kolleginnen?«, fragte ich Bea und tat so, als ob mich das wirklich interessieren würde.
»Ja, genau. Wir arbeiten in einer Anwaltskanzlei, als Rechtsanwaltsfachangestellte«, prahlte sie hörbar stolz und nippte sichtlich nervös an dem Getränk in ihrer Hand. »Und was macht ihr?«
»Jan und ich sind Immobilienmakler hier in der Stadt. Also, falls du eine Wohnung suchst, ich bin dein Mann«, sagte ich und grinste sie schief an. Sie kicherte albern und ich musste mir ein Seufzen unterdrücken. Auf irgendeine Art, die ich nicht erklären konnte, nervte es mich, dass es so einfach ging. Eigentlich hätte ich nicht mehr viel verkehrt machen können. Ich war mir sicher, wenn ich mich auch nur noch fünf Minuten für sie interessierte, würde sie auf der Stelle willenlos mitkommen oder sogar noch auf der Stelle über mich herfallen.
Mein Blick wanderte auf meine Armbanduhr. Wann machten die Geschäfte morgen auf? Um acht Uhr? Umso eher ich also ins Bett kommen würde, umso schneller konnte ich morgen bei den Inhabern auf der Matte stehen.
»Musst du gehen?«, fragte Bea mit enttäuschtem Unterton und riss mich damit aus meinen Gedanken.
»Ja, leider. Ich muss morgen früh raus, aber vielleicht kannst du mir einfach deine Nummer geben, dann melde ich mich bei dir, wenn ich kann.«
»Klar, natürlich!«, antwortete sie und strahlte über das ganze Gesicht. Ich verabschiedete mich von Jan und seiner Gesprächspartnerin und lief nach draußen in Richtung meiner Wohnung, die nur einige Straßen entfernt lag.
Meine Füße trugen mich, ohne nachzudenken, immer weiter und ich legte mir meinen morgigen Plan in Gedanken zurecht. Ich musste unbedingt in die Vollen gehen und durfte keinen Tag mehr unnütz verstreichen lassen.
Umso schneller ich an die Kaufverträge kam, umso eher konnte mein Name über der Tür unseres Maklerbüros stehen und ich hatte endlich mein Ziel erreicht.
Ich stockte in der Bewegung und drehte den Kopf suchend von links nach rechts. Wie war ich denn hierher gekommen?
Vor mir erstreckte sich die Schwanstraße im Licht der Straßenlaternen. Hinter den Scheiben lagen die Geschäfte im Dunkeln. Rechts auf dem breiten Bürgersteig stand der Kiosk. Die Ladenklappen waren geschlossen und bedeckten die Fenster des kleinen Häuschens wie eine geschlossene Muschel.
Ich schaute nach links und sah die hohen Fensterscheiben der Bäckerei mit dem Schriftzug Isas Naschkatze. Mit großen Schritten ging ich hinüber und drückte mir die Nase an dem kalten Glas platt. Alles war ordentlich aufgeräumt und lag in später Stille. Die Stühle waren akkurat auf die Tische gestellt worden, die Theke säuberlich aufgeräumt.
Eigentlich schade um das eindeutig liebevoll eingerichtete Geschäft. Vielleicht konnte ich mit dem Bauunternehmer, der das Einkaufszentrum entwarf, sprechen und es fand sich ein kleines Plätzchen dort für ein Café.
Aber woher kamen diese Gedanken? Es sollte mir egal sein, was mit den Inhabern und Mitarbeitern nach dem Bau passierte. Das war nicht mein Job. Der drehte sich einzig und allein um den Kauf und Verkauf und nicht um irgendwelche Vermittlungen.
Ich setzte wieder einen Schritt zurück und mein Blick wanderte die Altbaufassade nach oben, bis ich Licht hinter den Wohnungsfenstern sah.
Was passierte mit den Wohnungen in der Straße? Die Mieter müssten ebenfalls ausziehen. Das allerdings kam meinem Job wieder etwas mehr gelegen.
Im Geist machte ich mir eine Notiz, denn ich sollte in den nächsten Tagen, meine Visitenkarten in die Briefkästen einwerfen. Natürlich nur, um vorzusorgen.

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