Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 3

 

Isa

Montag, 11. August 2014

Hinter der Theke fühlte ich mich etwas sicherer und beschäftigte nervös meine Finger, indem ich anfing, Papierservietten zu falten, die neben der Kasse lagen.
»Was kann ich für Sie tun?«, fragte ich betont beiläufig und schielte nach oben in seine ungewöhnlichen Augen, die ein sattes Grün mit dunkelbraunen Sprenkeln darin trugen.
»Was haben Sie denn im Angebot?«, fragte er mich und grinste mir herausfordernd entgegen. Er betonte seine Frage gekonnt und ich wusste genau, was er damit bezwecken wollte. Natürlich spürte er, was für eine Wirkung er auf mich hatte. Wahrscheinlich ging es vielen Frauen genauso wie mir, wenn ich die Reaktionen der Gruppe Mütter in der Ecke betrachtete.
Ich räusperte mich und drückte selbstbewusst meinen Rücken durch, »Ähm, also, ich habe gerade frisch aus dem Ofen Marzipanhörnchen geholt.« Innerlich hätte ich mir gegen den Kopf klatschen können. Erstens aß er mit dieser Figur sicherlich keine Marzipanhörnchen, und zweitens, wieso war mir nichts Besseres eingefallen? Hätte ich nicht einmal in meinem Leben schlagfertig sein können?
»Ich nehme gerne eins davon. Und einen Kaffee bitte.«, antwortete er, immer noch schief grinsend und fixierte mich weiter mit eisernem Blick.
Mein Herz hatte Aussetzer und ich spürte mein Herzklopfen bis zum Hals, bevor ich mich in zur Thekenauslage bewegte und ihm sein bestelltes Frühstück anrichtete.
Bei jeder meiner Bewegungen spürte ich seine Augen auf mir. Er musterte mich von oben bis unten, und ich konnte meine Nervosität, die seine Blicke hervorriefen, nicht verdecken.
Mit nassen Fingern streckte ich ihm den Teller und die Tasse entgegen, mit einem Augenzwinkern nahm er es entgegen und drehte sich um. Ich bewunderte sein breites Kreuz unter dem Hemd, welches sich bei seinen Bewegungen anspannte, und zerfloss förmlich hinter meinem Tresen.
Den Frauen in der Ecke ging es ebenso, denn er setzte sich an einen Tisch neben ihnen und begrüßte sie mit einem Kopfnicken und einem männlichen Raunen. »Ladys!«
Sie kicherten albern, trotz Eheringen an den Fingern und Kindern auf dem Schoß.
Dieses Exemplar war wirklich der Inbegriff eines Aufreißers. Also überhaupt nicht mein Kaliber! Aber wer sagte denn, dass man ihn heiraten musste? Ein wenig flirten würde mir derzeit ausreichen, aber nicht einmal das bekam ich hin.
In meinem Geiste malte ich mir die Szene ganz anders aus:
Er öffnete schwungvoll die Tür und starrte mir lüstern entgegen. Ich trug meine Haare zu einer gewellten Mähne offen und warf sie mit theatralischem verführerischem Schwung nach hinten. Mit schnellen Schritten überwand er die Entfernung von Tür zur Theke und kam atemlos zum Stehen. »Was kann ich dir bringen?«, fragte ich, biss mir auf die Unterlippe und klimperte ihm mit meinen Wimpern entgegen. »Dich!«, antwortete er nur dieses eine Wort, setzte an und kam zu mir hinter den Tresen. Seine starken Arme umgriffen meinen Oberkörper und meine Brustwarzen richteten sich durch die Berührung seiner Brust auf, und streckten sich ihm hart entgegen. Sein Kopf senkte sich zu meinem, mein Herz wummerte aufgeregt in meiner Brust und das Pochen in meiner Scham verteilte sich in meinem gesamten Unterleib …
»Isa? Hallo? Erde an Isa!« Mein bester Freund stand vor mir und ließ die Hand sinken, mit der er zuvor vor meinem Gesicht hin und her gewedelt hatte.
»Tom!«, rief ich viel zu schrill, und viel zu hoch.
»Wo warst du denn jetzt gerade? Dein Blick war total leer. Ist alles in Ordnung?«, fragte er mich und sah mir besorgt entgegen. Zurück in der Realität wandte ich mich von ihm ab, damit er die Röte, die sich über mein Gesicht verteilte, nicht sah. Mit flinken Fingern bereitete ich ihm seinen Lieblingstee vor und lud einen Schokomuffin auf einen Teller.
»Danke! Ich sitze dann da hinten, falls du mich brauchst«, sagte er, nahm mir den Teller ab, und schaute mich mit immer noch mit gerunzelter Stirn fragend an. »Bist du dir wirklich sicher, dass alles ok ist?«
»Ja! Ich war nur kurz in Gedanken«, antwortete ich ihm, machte eine wegwerfende Handbewegung und kümmerte mich weiter darum, neue Gebäckstücke für den Ofen vorzubereiten.
Im Augenwinkel schielte ich heimlich nach oben und sah Mister Leckerbissen an seinem Tisch aufstehen. Er kam geradewegs mit dem leeren Geschirr auf mich zu und setze es auf der Theke ab.
»Danke, das war sehr gut. Vielleicht komme ich jetzt öfter zum Frühstück vorbei«, sagte er grinsend, legte einen Geldschein vor sich ab und drehte sich bereits wieder um.
20 Euro? Für einen Kaffee und ein Marzipanhörnchen? »Moment, das ist doch viel zu viel!«, rief ich ihm hinterher, aber er war bereits durch die Tür verschwunden.
Gutaussehend, charmant und spendabel. Und einen Hauch arrogant. Also nun ganz eindeutig nichts für mich.
»Isa, kommst du mal?«, rief Tom mir aus der anderen Ecke entgegen und ich seufzte ein letztes Mal gedankenverloren, bevor ich zu ihm ging.
Tom war ein Computernerd wie er im Buche stand. Es fehlte nur die obligatorische Hornbrille und der Superhelden-Pullover. Sein Fachwissen über diesen technischen Firlefanz reichte mindestens von hier nach Bagdad-Süd.
Seit der Schulzeit waren er und Pia meine besten Freunde. In jeder unserer Lebensphasen, ob schwierig oder nicht, hatten wir zueinandergehalten und ich war ihnen unendlich dankbar dafür. Besonders für die Zeit, nachdem meine Eltern vor einigen Jahren bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Dafür stand ich weiterhin tief in ihrer Schuld.
Natürlich wussten sie auch um meine derzeitigen Geldsorgen, die mich Tag und Nacht begleitete. Deshalb schlug Tom vor, mir eine Webseite zu basteln, welche höchst professionell aussehen sollte und auf die ich täglich Fotos der Bäckerei oder den Köstlichkeiten daraus hochladen konnte. Wir hofften damit definitiv darauf, mehr Gäste anlocken zu können. Aus diesem Grund hatte sich Tom extra den heutigen Tag Urlaub genommen, und arbeitete bei mir an dieser Idee.
Ich ging zu seinem Tisch, legte meine Hand auf seine Schulter und schielte auf den kleinen Bildschirm. Mehrmals musste ich blinzeln, weil ich meinen Augen kaum traute. So gut sah es aus, was er zusammengebastelt hatte. Auf der rechten oberen Seite prangte ein blaues, rundes Logo mit der Aufschrift Isas Naschkatze auf einem passenden rosafarbenen Hintergrund. Die Internetseite war vollständig in diesen beiden Farben gehalten, mittig sah man ein gestochen scharfes Foto des Geschäftes in Außenansicht.
»Tom! Das ist ja der Wahnsinn! Das sieht super aus, danke!«, strahlte ich über das ganze Gesicht und drückte seine Schulter leicht.
»Ach, war doch gar kein Problem. Noch ein paar Kleinigkeiten, dann können wir sie online stellen«, verkündete er stolz und seine Hände fingen bereits wieder an, klimpernd über die Tastatur zu fliegen.
Ich beschloss, ihn in Ruhe fertig arbeiten zu lassen, und machte mich daran, die nun leeren Tische in der Ecke aufzuräumen.

Erschöpft ließ ich mich abends auf die Couch fallen und spürte die Entspannung in meine Beine kriechen. Auch wenn ich derzeit nur die Hälfte der Gäste hatte, die ich bedienen konnte, fiel doch genug an, was erledigt werden musste. So fand ich heute mal wieder keine Zeit für ein Mittag- oder Abendessen und ich schaute müde über den Couchtisch. Vielleicht lag noch irgendwo etwas essbares rum, denn der Weg in die Küche war definitiv zu weit.
Lecker! Paprikachips! Mit den Füßen fischte ich nach der Tüte auf dem kleinen Tischchen vor mir, hatte jedoch zuviel Schwung und die Tüte fiel mit einem lauten Rascheln auf den Boden. Ich stöhnte genervt und Mister Bean hob kurz den Kopf in meine Richtung. Er hatte sich auf dem Teppich im Wohnzimmer platt auf die Seite gelegt und schnarchte bis eben in seliger Ruhe vor sich hin.
Hund müsste man sein. Den ganzen Tag schlafen, fressen oder spazierengehen. Er brauchte sich keine Sorgen um Geld oder Arbeit zu machen.
»Los, Bean, hol die Tüte und bring sie Frauchen!«, rief ich ihm zu und klatschte freudig in die Hände, um ihn zu animieren.
Er ließ den Kopf wieder auf die Teppichfransen fallen und brummte genervt, was wohl bedeuten sollte »Hol dir deine blöden Chips selbst!«
Ich seufzte. Hätte ich doch vor einigen Jahren mit ihm diesen Hundekurs besucht, dann wäre aus ihm vielleicht ein artiger Hund geworden.
Ich zuckte zusammen, als ich den schrillen Klingelton meines Handys vernahm. Hektisch durchsuchte ich meine Jeans, und fand es in einer der hinteren Gesäßtaschen. Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, nachdem ich sah, wer der Anrufer war und drückte mit dem Finger auf den grünen Hörer. »Hallo Mopsie! Na, hütest du schon das Bett oder bist du noch bereit auszugehen?«, brüllte Pia laut in den Hörer, um gegen das Stimmengewirr in ihrem Hintergrund anzukommen. Mopsie und Püppi waren unsere persönlichen Koseworte. Mein Vater hatte sich diese ausgedacht. Als wir zehn Jahre alt waren, hatte er uns regelmäßig damit geärgert. Immer, wenn er uns von der Schule abgeholt hatte, rief er diese ganz laut über den Schulhof und wir versanken vor Scham im Erdboden. Mit dem Alter, kam der Humor und wir behielten diese Worte selbst später noch bei. Vielleicht auch, um uns an diese schöne Zeit zu erinnern.
Ich atmete tief die Luft ein und ließ sie theatralisch ausstoßen, »Eher nicht. Ich schaffe es noch nicht mal bis zur Küche, um mir etwas zu essen zu machen.«
»Also, hier gibt es ein paar sehr leckere Sahneschnittchen, wenn du mal wieder Lust auf essen hast!«, kicherte sie und betonte das Wort essen ganz besonders. Ich sah förmlich vor mir, wie sie mit den Augenbrauen wackelte.
»Püppi, heute nicht, ich bin echt müde.«
»Der Eine würde dir aber besonders gut gefallen. Groß, durchtrainiert, braune Haare. Ich nehm auch seinen Kollegen. Wenn du dich nicht beeilst, schnappt ihn dir Bea weg!« Bea war Pias unersättliche Kollegin. Alles, was nicht niet- und nagelfest war, nahm sie in ihren Besitz. Das ging bei den Joghurts im Bürokühlschrank los, bis zu den männlichen Exemplaren innerhalb des Kollegenkreises und natürlich ließ sie sich die eindeutigen Angebote in Bars auch nach der Arbeit nicht entgehen.
Ich lachte in den Hörer, »Kannst du ihn mir vielleicht herschicken? Dann könnte er mir die schmerzenden Füße massieren oder mir etwas zu essen machen. Ich kann keinen Schritt mehr gehen.«
»Na gut, Oma! Dann verpasse halt dein Leben! Wehe du sagst mir am Wochenende ab! Schlaf gut, hab dich trotzdem lieb!«, schimpfte sie, aber nicht ohne einen leicht liebevollen Unterton. Ich verabschiedete mich lächelnd von ihr und legte auf.
Pia hatte gut reden. Sie musste sich keine Sorgen darüber machen, ob man seine Rechnungen begleichen konnte, oder darauf hoffen musste, dass nichts im Laden kaputtging, weil man es nicht ersetzen konnte.
Manchmal stand ich kurz davor, einfach alles zu verkaufen. Doch dann dachte ich wieder an die schönen Stunden mit meinen Eltern und konnte es einfach nicht mehr.

2 Gedanken zu „Naschkatze – Episode 3

  1. Wink des Schicksals…. ja das trifft es ganz gut… Max will cie Läden platt machen… Isa hegt machmal den Gedanken zu verkaufen…. bin gespannt…

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