Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 24

 

Max

Dienstag, 02. September 2014

Es war über eine Woche vergangen, seitdem Isa und ich vollständig zueinandergefunden hatten. Ich fühlte mich wie ein anderer Mensch, und mein vorheriges Leben mit allabendlichen Partyexzessen, Alkohol und Frauen kam mir vor, wie aus einer anderen Welt.
Insgeheim lachte ich über mich selbst. Max, der seine Zeit zu kurz dazu fand, alle Frauen auf der Welt zu beglücken, aber gut daran tat, es zumindest zu versuchen.
Und nun schlief ich eng umschlungen seit einigen Tage mit ein und derselben Frau ein, und wachte glückselig wieder mit ihr auf. Ich musste einfach zugeben, dass ich mich ausgesprochen wohl bei ihr fühlte. Sie war fürsorglich, witzig und unsagbar leidenschaftlich, in allen Bereichen ihres Lebens.
Nachdem ich meinen Job gekündigt hatte, mich mein Chef verständlicherweise direkt freigestellt und so blieb mir viel freie Zeit, die ich gerne als Unterstützung in der Bäckerei verbrachte. Es machte mir Spaß, ihr Dinge abzunehmen, und sie verstohlen, ohne dass es ihr auffiel, zwischendurch von der Seite zu betrachten.
Auf jeden Fall war es das komplette Gegenteil meiner bisherigen Arbeit und ich fand es sehr erfrischend, die Leute glücklich zu machen, anstatt unglücklich. Natürlich musste ich mir auf lange Sicht wieder eine Arbeit suchen, aber ich hatte mit meinem Job genug Rücklagen gebildet, um mir eine kleine Auszeit gönnen zu können.
An diesem Mittag war der Laden erneut bis auf den letzten Platz gefüllt und ich freute mich für Isa, dass sie mit ihren neuen Rezepten Erfolg hatte.
Die Tür ging auf. Ich hob meinen Kopf, um den Besucher zu begrüßen, doch mein Lächeln erstarb augenblicklich. Tom stand im Rahmen und beäugte mich kritisch. Ich wusste genau, was für ein Problem er mit mir hatte, denn es war definitiv unübersehbar, wie er Isa ansah. Und das gefiel mir nicht. Überhaupt nicht!
Er ging auf Isa zu und drückte sie an sich. Über ihre Schulter warf er mir einen verstohlenen Blick zu und am liebsten hätte ich die beiden auseinandergezogen.
Im Augenwinkel beobachtete ich ihn. Wenn er eine falsche Berührung ansetzte, war es mir egal, ob langjähriger Freund oder nicht.
Die beiden unterhielten sich glücklicherweise mit etwas Abstand. Isa drehte sich zu mir um, und schaute mir eindringlich entgegen. Ich verstand erst, als ich sah, wie die beiden den Laden verließen.
Durch die Fensterscheiben erkannte ich, wie sie am Laden ein Stück vorbeigingen und sich etwas abseits hinstellten.
Isa hatte natürlich mittlerweile gemerkt, dass mit Tom etwas nicht stimmte und wollte ihn sicherlich zur Rede stellen, denn sie hatte gestern in ihrer Wohnung beim Abendessen so etwas in der Richtung angedeutet.
Meine Brust schnürte sich ein Stück zu, als ich sah, dass Tom Isas Schultern packte, und sie fest ansah. Ich legte das Messer, mit dem ich gerade die belegten Brötchen vorbereitet hatte, zur Seite und drehte mich aufmerksam komplett zur Scheibe.
Ein falscher Handgriff von ihm, und ich wäre schneller auf der Straße, als er »Leichensack« sagen konnte.
Isa wandt sich aus seiner Umklammerung und kurze Zeit später ging Tom mit einer eisigen Miene die Straße runter. Verdattert stand sie da und rieb sich die Schultern, die er eben noch umgriffen hatte. Ihr Gesicht strahlte eine unendliche Traurigkeit aus, und ich hatte das sofortige Bedürfnis, sie zu trösten.
Eilig ging ich durch den Laden, auf die Straße und auf sie zu.
Ich legte sanft meine Hand auf ihren Rücken, während sie immer noch in die Richtung sah, in die ihr einst bester Freund die Straße heruntergelaufen war.
»Alles okay?«, fragte ich leise und sie drehte sich mit feuchten Augen zu mir um. Nun hasste ich Tom, dass er ihr so etwas antat. Wäre er wirklich so ein guter Freund, wie er behauptete, würde er seine falschen Gefühle für sich behalten und sie so nehmen, wie sie war. Auch wenn ich verstehen konnte, wie schmerzhaft es sein musste, wenn ein Gefühl nicht erwidert wurde, wäre mir eine Freundschaft tausend Mal lieber, als den Kontakt zu ihr ganz abzubrechen.
Ich schlang meine Arme um ihren Oberkörper und zog sie an mich. Der Duft ihrer Haare, die nach Keksen und Vanille rochen, zog mir in die Nase und ich legte mein Kinn auf ihrem Kopf ab.
»Er ist einfach gegangen. Max, du hattest Recht«, schluchzte sie.
»Schsch, er wird sich wieder fangen. Ich kann ihn verstehen«, sagte ich beruhigend und strich ihr tröstend über den Rücken.
Sie löste sich von mir, zog ihre kleine Nase hoch und sah mich mit tränenverschleierten Augen an: »Wieso? Ich dachte, ihr mögt euch nicht?«, wimmerte sie.
»Dafür kannten wir uns doch gar nicht genug. Ich kann verstehen, wie schlimm es sein muss, wenn man etwas will, und es nicht bekommt. Vor allem, wenn du dieses Etwas bist«, lächelte ich sie an.
Sie schniefte immer noch, »Glaubst du echt, er meldet sich wieder?«
Ich nickte ihr zu. »Klar. Und jetzt komm wieder mit rein. Wir sollten uns darauf konzentrieren, unser anderes Problem in den Griff zu bekommen«, sagte ich zu ihr und versuchte so, Ihre Gedanken in eine andere Richtung zu lenken.
»Okay«, sagte sie und wir gingen wieder hinein.

Für den Abend hatte ich das Treffen mit meinem Chef vereinbart. Seine Wut am Telefon war hörbar, als er meine Stimme vernahm. Doch trotzdem ließ er sich dazu überreden, uns in dem Restaurant La Cucina, ganz in der Nähe seines Büros, zu treffen.
»Komm jetzt, beeil dich! Wir sind bereits fast zwanzig Minuten zu spät!«, meckerte Isa und zog mich an meiner Hand die Straße hinuntern.
»Ganz ruhig. Alles Taktik. Er soll ruhig dasitzen und darüber grübeln, was wir wohl von ihm wollen«, antwortete ich ihr gelassen.
Sie schnaubte, und wir schritten endlich durch die Tür des Lokals.
Ich sah ihn in einer der hintersten Ecken sitzen und nickte ihm kurz zu, nachdem er uns eintreten sah.
Isas Finger in meiner Hand wurden nass vor Aufregung, und ich konnte förmlich ihr heftiges Herzklopfen durch den dünnen Pullover sehen, den sie trug.
»Hallo Oliver«, sagte ich knapp und er machte nicht die geringsten Anstalten sich zu erheben oder uns die Hand zu geben.
»Hallo«, erwiderte er und deutete auf die beiden Stühle auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches.
Ich zog Isa den Stuhl zurück, damit sie sich setzen konnte, und tat es ihr gleich.
»Ich habe keine Lust auf irgendwelches höfliches Geplänkel, und ich glaube, Ihnen geht es genauso, wenn ich Ihren Blick richtig deuten kann«, fing ich an und faltete die Hände auf dem Tisch.
Er nickte. »Schießen sie los. Was wollen Sie?«
»Können Sie sich das nicht denken?«
Weiterhin starrte er mir entgegen, ohne etwas zu erwidern.
»Ziehen Sie die Anordnung der Stadt zurück und bauen Sie das Einkaufszentrum woanders.«
Er lachte kurz höhnisch auf. »Wieso sollte ich das tun? Sie haben nichts gegen mich in der Hand.«
»Sind sie sicher?«, fragte ich ihn und zog eine Augenbraue nach oben.
»Selbstverständlich. Wenn Sie irgendetwas behaupten wollen, kann ich dies im Keim ersticken. Aussage gegen Aussage, und der Bürgermeister steht auf meiner Seite. Sie werden keinen Fuß als Makler mehr in der Stadt setzen können, das können Sie mir glauben!«, sagte er bissig.
»Wenn Sie denken, ich hätte keine Beweise, dann können Sie es gerne darauf ankommen lassen«, sagte ich in immer noch ruhigem Ton.
Isa wurde neben mir immer zappeliger. Ich wusste genau, dass mein Chef nur bluffte. Er hatte vielleicht einmal mit dem Bürgermeister zum Abend gegessen, aber dass nur, weil er über irgendwelche Umwege an eine Einladung für eine offizielle Feier der Stadt kam. Er hatte überhaupt nichts, was er gegen mich vorweisen konnte, und ich konnte sehr überzeugend sein. Auch vor Gericht.
Seine Augen wanderten rastlos hin und her, die Schweißperlen auf der Stirn sammelten sich, und kleine rote Flecken traten auf seinem Hals zum Vorschein.
Ich konnte in ihm lesen wie in einem Buch.
»Wenn Sie sich auf unseren Deal einlassen, werden Sie nie wieder ein Wort von uns hören. Lassen Sie die Straße in Ruhe, bauen Sie das Zentrum woanders.«

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