Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 20

 

Max

Mittwoch, 27. August 2014

Ich hatte die ganze Nacht wach in meinem Bett gelegen und mir das Hirn darüber zermartert, wie ich Isabell helfen konnte. Wie ich den Bau verlagern oder zumindest verschieben konnte, bis sich ein neuer Standort fand.
Ich stand schon früh auf und fuhr ins Büro, um zu recherchieren, und auf meinen Chef zu warten, damit ich das mit ihm besprechen konnte.
Es verging der gesamte Mittag und es wurde bereits spät, bis Herr Lübke endlich durch die Tür unseres Büros trat. Ich hatte den ganzen Tag über einige Adressen gesammelt, viele Telefonate geführt und für die nächsten Tage einige Besichtigungen vereinbart.
Vielleicht wäre dort ein neuer, passenderer Standort dabei, bei dem vor allem keine anderen zu Schaden kamen.
Wie sich mein Denken in der letzten Zeit verändert hatte, erschreckte mich fast selbst.
Ich schob den Stapel auf meinem Schreibtisch zusammen, und erhob mich damit, um meinem Chef die Ergebnisse präsentieren zu können. Hoffentlich ließ er sich darauf ein und die Bauunternehmer gewährten uns einen kleinen Verzug.
»Hallo Herr Lübke, hätten Sie einige Minuten für mich? Ich müsste etwas mit Ihnen besprechen«, fragte ich ihn und ging auf ihn zu.
»Herr Brandl, gerne. Allerdings nicht jetzt. Ich muss noch einige Sachen erledigen. Aber was halten Sie von Abendessen, heute? Ich habe Ihnen ebenfalls etwas zu berichten. In einer Stunde? Wir fahren direkt von hier los.«
Ich nickte. »Ja natürlich!«
Er drehte sich auf dem Absatz um und verließ den Raum. Das war gut. Bei einem entspannten Abendessen ließ sich ganz anders reden, als hier zwischen Tür und Angel.

Eineinhalb Stunden später liefen wir durch die Eingangstür des kleinen Italieners San Marco. Die Ausstattung wirkte modern und teuer, das Essen war phänomenal und gehoben. Das ein oder andere Mal waren wir hier bereits mit einigen unserer Geschäftspartner und wurden nie enttäuscht.
Ich zog mein Sakko aus und hing es über die Lehne. Wir nahmen Platz und gaben bei einem Kellner in schwarzem Hemd und weißer Fliege unsere Getränkebestellung auf.
Herr Lübke hob die Hand und winkte jemandem hinter meinem Rücken zu.
»Ach ja, Sie haben doch nichts dagegen, dass ich meiner Tochter Bescheid gesagt habe. Sie isst hier so gerne und Sie kennen sie doch noch, oder? Bei der Weihnachtsfeier vor zwei Jahren, war sie ebenfalls da.« Er erhob sich. »Olivia, Schatz, da bist du ja.«
Langsam drehte ich mich um und erkannte die schwarzen Haare und die grünen strahlenden Katzenaugen seiner Tochter und ich erhob mich ebenfalls. Nachdem sie ihren Vater begrüßt hatte, gaben wir uns die Hand. Ich hatte Sie tatsächlich vor zwei Jahren gesehen, mich aber nicht persönlich bei ihr vorgestellt, weil ich alle Hände voll mit der Sekretärin aus dem dritten Stock zu tun hatte.
Ihr Gesicht war durchaus attraktiv, und ihrem Strahlen nach zu urteilen, war sie mir gegenüber nicht abgeneigt. Allerdings würde ich ganz sicher nichts mit der Tochter meines Chefs anfangen. Außerdem gab es noch einen viel größeren Grund, weshalb ich nicht einen Ansatz an Interesse an ihr entwickelte und dieser Grund hüpfte mit ihrem braunen Pferdeschwanz, ihren Rehaugen und ihrer roten Schürze ständig durch meinen Kopf.
»Hallo, Olivia mein Name«, hauchte sie mir entgegen und ich nickte. »Freut mich. Max«
Wir setzten uns und Olivia nahm auf dem Stuhl auf meiner rechten Seite, und ihrem Vater gegenüber Platz. Links von mir befand sich eine große Fensterfront mit direktem Blick nach draußen und ich ließ kurz meinen Blick über den Bürgersteig schweifen.
»Also, kommen wir kurz zum geschäftlichen Part, damit wir diesen abhaken können und Olivia nicht weiter langweilen.« Oliver Lübke sah kurz zu seiner Tochter und fand dann meinen Blick. »Ich habe die Sache mittlerweile selbst in die Hand genommen, da die Bauunternehmer immer ungeduldiger wurden. Sie kennen doch noch Johannes Kampe, von der Stadt?«
»Ja, im letzten Jahr war er uns doch nützlich im Fall der alten Villa in Bockenheim?«, sagte ich und mein Chef nickte. »Genau der. Auch in diesem Fall war er mit Hilfe einer großzügigen Spende durchaus bereit, uns entgegenzukommen.« Ich griff zu meinem Weinglas, nahm einen Schluck und setzte es wieder ab. Ich ahnte Böses.
»Inwiefern?«
»Sagen wir, die alten Gebäude in der Schwanstraße sind in einigen Wochen Geschichte. Johannes hat sie als baufällig deklariert und sie werden definitiv abgerissen.«
Mit seiner Aussage sichtlich zufrieden, lehnte er sich auf seinem Stuhl zurück und legte die Arme auf dem Tisch ab. Mir fiel alles aus dem Gesicht. Er hatte einen Beamten bestochen, damit der uns in dieser Angelegenheit half? Schlecht, sehr schlecht.
»Und was bedeutet das für die Inhaber?«, fragte ich und wusste die Antwort bereits.
Herr Lübke gab ein verächtliches Lachen von sich. »Das kann uns doch egal sein. Das Problem ist auf jeden Fall gelöst. Ich war heute Vormittag dort, und habe allen Ladenbesitzern die frohe Kunde überbracht.«
Ich dachte an Isabell, daran, wie sie wohl auf seinen Besuch reagiert hatte.
»Herr Lübke, ich weiß, dass das deutlich einfacher wäre, aber vielleicht sollten wir über einen Standortwechsel nachdenken. Ich habe heute einige Unterlagen vorbereitet und mit vielen Leuten telefoniert … «
»Papperlapapp, die Sache ist durch. Wieso sollten wir uns diese Mühe denn machen?«, unterbrach er mich und schaute verächtlich. Ich bedachte Olivia kurz mit einem Seitenblick, denn ich spürte, wie sie immer näher rückte. Die Berührung ihrer Schulter fühlte sich unangenehm an. Ich rutschte noch etwas weiter nach links und redete weiter. »Es gibt Standorte, an denen aktuell nichts oder nur einige leerstehende Wohnhäuser stehen. Die Erreichbarkeit wäre teilweise sogar noch besser und …«
Herr Lübke hob die Hand. »Schluss jetzt. Was sind das für Vorschläge? Normalerweise waren Sie von meinen Ideen doch immer angetan, egal welche Wege wir einschlugen. Sind Sie sicher, dass Sie noch richtig in diesem Job sind?«
Ich stockte. Mein Kopf ratterte und ich fragte mich tatsächlich genau diese Frage ebenfalls seit einigen Tagen. Mein Blick wanderte zur Fensterfront und ich erstarrte.
Isabell stand neben einer zierlichen Brünetten, die mir merkwürdigerweise bekannt vorkam, draußen auf dem Gehweh und starrte ungläubig durch das Fenster. Unsere Blicke trafen sich, mein Herz fing an zu rasen und ich dachte nur ein einziges Wort. Scheiße.

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