Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 1

 

Prolog

»Seid ihr jetzt mal fertig?«, fragte seine Frau Astrid ihn mit einem Lächeln auf den Lippen. Dirk hielt den Telefonhörer in der Hand, grinste und verdrehte die Augen. »Mopsie, deine Mutter möchte jetzt los. Als wären wir sonst immer pünktlich«, sagte er amüsiert.
»Ja, und wer ist daran schuld?«, fragte Astrid ihn und stellte sich mit den Fäusten in den Hüften vor ihn.
»Papa, du solltest auf Mama hören. Wir sehen uns morgen früh doch sowieso wieder«, hörte er seine Tochter in der Leitung.
»Du hast Recht. Schlaf schön, bis morgen. Dann erzähle ich dir alles über den sterbenslangweiligen Geburtstag von Judith.« Er gackerte und Astrid gab ihm einen leichten Schlag auf den Oberarm. »Hör auf! Sie redet zwar viel, ist aber nun mal eine sehr gute Freundin. Ist doch nur der eine Abend.«
Seine Tochter lachte am anderen Ende und legte nach einem letzten »Gute Nacht!« auf.
Dirk und Astrid gingen aus der Wohnung und setzten sich ins Auto. Weil Judith etwas außerhalb wohnte, mussten sie durch die Stadt fahren und ein kleines Stück über die Autobahn. Astrid schaute aus dem Fenster und Dirk wagte einen kurzen Blick auf ihr Profil.
Er hatte wahnsinniges Glück. Eine tolle Frau und Tochter, eine gutgehende Bäckerei, und sie alle waren gesund.
»Was ist denn?«, fragte Astrid ihn, weil sie seine Blicke bemerkt hatte.
Dirk lächelte und seine Stimme klang sanft. »Nichts Schatz.« Ein letztes Mal drehte er den Kopf zu seiner Frau, sah ihr vor Angst verzerrtes Gesicht, hörte ihre Schreie und spürte den Schmerz.

 

Isa

Montag, 11. August 2014

»Verdammt«, fluchte ich und warf den Kugelschreiber über die Theke. Ich atmete seufzend aus und stützte meinen Kopf mit der Hand ab, während ich die Rechnung vor mir immer wieder durchging. Nein, ich hatte mich nicht verrechnet. Ein dickes Minus stand vor der Monatsabrechnung meiner Bäckerei Isas Naschkatze.
Schon seit Monaten kamen nicht mehr genug Gäste und allmählich wurde es eng in der Kasse. Ich vernahm das Klingeln des Weckers, richtete mich auf und schob den dicken Ordner wieder unter die Ladentheke. Flink griff ich nach dem schützenden Topflappen und zog die Backofentür auf. Ein Schwall heißer Luft peitschte mir ins Gesicht und ich drehte mich für einen Moment zur Seite, blinzelte mir den warmen Dunst aus den Augen.
Nachdem ich wieder klar sehen konnte, zog ich das längliche Backblech heraus und der Duft von frischen Marzipanhörnchen stieg mir in die Nase. Köstlich!
Ich liebte das Backen von ganzem Herzen. Seit mein Vater den Laden vor zwanzig Jahren eröffnet hatte, da war ich gerade einmal sieben, verbrachten wir die meiste Zeit hier. Egal, an welches Erlebnis ich mich zurückerinnerte, es fand entweder hier im Laden oder in unserer darüber liegenden Wohnung statt.
Sicherlich war es manchmal schwierig gewesen, wenn meine Eltern kaum Zeit für mich hatten, weil sie sich um die Bäckerei kümmern mussten, aber nun konnte ich es verstehen. Es war wichtig, dass sie gut lief. Zum jetzigen Zeitpunkt umso mehr!
Ich schüttelte meinen Kopf und vertrieb die aufkommenden Gedanken. Traurigkeit konnte ich gerade nicht gebrauchen, sondern musste einen klaren Kopf bewahren, um mir über die Zukunft Gedanken machen zu können und nicht über die Vergangenheit!
Die Plastikkatze am Eingang, die als Bewegungsmelder diente, miaute munter vor sich hin und ich hob meinen Kopf.
»Guten Morgen!«, rief ich fröhlich meinem ersten Kunden des Tages entgegen. Der Banker Michael kam jeden Morgen, bestellte ein Croissant und einen Coffee-to-go, so zuverlässig und pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk.
»Morgen«, brummte er mir entgegen. Ok, mein Kunde war ein Morgenmuffel. Mit Mühe und Not hatte ich vor einiger Zeit seinen Namen herausbekommen, aber das hielt mich nicht davon ab, ihm sein Frühstück freudestrahlend entgegenzustrecken. Der Kunde war schließlich König, und auch wenn ich durch das täglich verkaufte Croissant nicht einmal ansatzweise die Stromrechnung bezahlen konnte, waren diese Drei Euro Fünfzig  doch ein sicherer Gewinn in meiner Kasse.
Er nahm die Tüte entgegen, schob mir stumm das Geld über die Ladentheke, drehte sich daraufhin wieder um und verschwand durch die Eingangstür. »Danke!«, rief ich ihm noch im Hinausgehen hinterher.
Erster Kunde, check.
Ich strich mir eine hellbraune Strähne, die mir aus dem Pferdeschwanz gerutscht war, wieder hinter das Ohr, und begann erneut, meine Arbeit aufzunehmen.
Ein dunkles Brummen kam unter der Ladentheke hervor. Ich bückte mich und tätschelte liebevoll das drahthaarige Fellknäuel zu meinen Füßen, welches ich kurz zuvor aus Versehen mit der Schuhspitze angestupst hatte. »Entschuldigung alter Junge, schlaf weiter.« Mister Bean legte seinen Kopf wieder ab und schloss die Augen.
Durch das schwarze Fell meines Hundes zogen sich mittlerweile lange graue Strähnen. Auch an ihm waren die Jahre nicht spurlos vorbei gegangen. Ich erinnerte mich noch an den Tag, an dem ich ihn in der kleinen Gasse neben dem Laden fand. Eigentlich hatte ich nur vorgehabt, die Mülltüten in meinen Händen zu entsorgen, als ich ein leises Wimmern vernahm.
Ich öffnete den Abfallcontainer und traute meinen Augen kaum. Ein kleines Bündel in Form eines Welpen schaute mir aus dunkelbraunen Knopfaugen entgegen. Sein kleiner Schwanz wedelte aufgeregt hin und her, und er versuchte hilflos, in meine Richtung zu krabbeln. Irgendein Mistkerl hatte ihn einfach entsorgt, ich war fassungslos.
Ich fischte das Hündchen heraus und versprach ihm, mich um ihn zu kümmern. Seitdem lag er jeden Tag unter der Ladentheke und genoss sein Hundeleben und unsere täglichen Spaziergänge im Park nebenan.
Glücklicherweise fanden am heutigen Tag noch einige Gäste den Weg zu mir. Vor den kleinen runden Tischen saßen nun auf den bunten Stuhlpolstern eine Handvoll Mütter mit ihren schreienden Kindern in der einen, und ein Mädchen mit schwarzen Haaren, dunklen Klamotten und einem Laptop vor sich in der anderen Ecke.
Ich brachte dem Mädchen gerade einen frischen Pfefferminztee, als der Bewegungsmelder wieder seinen Dienst aufnahm und ich zur Tür schaute, um den nächsten Gast zu begrüßen.
Die Tasse klapperte gefährlich auf dem Unterteller, während ich in meiner Bewegung stockte und mir fast der Mund offenstand. Mit einem Räuspern riss ich mich zusammen und reichte dem Mädchen, welches mit aufgerissenen Augen die fast umgestürzte Tasse fast panisch betrachtete, ihren Tee.
»Hallo«, hörte ich nun seine dunkle, warme Stimme, die mir direkt in den Kopf schoß und meinen Körper zum Vibrieren brachte. Mein Blick wanderte zurück zu seinem prächtigen Körper, der nun mitten in meinem Verkaufsraum stand. Ich schluckte.
»Hallo«, krächzte ich und flüchtete hinter die Theke.
Bei meinen täglichen Gassirunden hatte ich ihn bereits einige Male aus der Ferne bewundert, wie er durch den Park joggte. Aber ihn nun so nah vor mir stehen zu sehen, verschlug mir eindeutig den Atem.

12 Gedanken zu „Naschkatze – Episode 1

  1. Liebe Rose, ich habe soeben begonnen deine Naschkatze zu lesen und ich weiß schon was ich heut nachmittag mache, nämlich weiter lesen, denn der Anfang hat mir super gefallen
    Liebe Grüße sendet Dir Nina

  2. Huhu liebe Rose,
    Deine Bloggeschichte klingt interessant und spannend.
    Ich werde sie in ruhe lesen und zu jedem beitrag einen kommi dalassen
    Bin schon sehr gespannt
    Viele liebe grüße Sabrina Bolte

  3. Trauriger, aber dennoch sehr schöner Auftakt … Muss jetzt gleich noch eine Episode lesen 🙂 hast mich neugierig gemacht, wer nun hinter diesem einfachen ‚Hallo‘ steckt :0)

  4. Hallo Liebe Rose,
    Ich fand deine Gwen & Mike Bücher ja schon mega klasse und freue mich riesig über diese Bloggeschichte
    LG Cynthia

  5. Hi Rose,
    noch bevor ich Dein Buch begonnen habe, bin ich über Deine Bloggeschichte gestolpert und spontan liegen geblieben =o)
    Jetzt werde ich Dich wohl oder übel verfolgen müssen um alle Episoden zeitnah mit zu bekommen ;o)
    Grüßle,
    nef

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