Bloggeschichte: Naschkatze

Naschkatze – Episode 2

 

Max

Montag, 11. August 2014

Mit meiner Hand tastete ich zum Nachttisch und drückte den Wecker aus, der durch den Raum hallte. Ich lag auf meinem Rücken und bemerkte, dass mir das Aufstehen heute deutlich schwerer fiel, als üblich. Mein Blick glitt an mir herunter und ich musste grinsen, nachdem ich den Grund erkannte.
Meine Gedanken wanderten zu gestern Abend. Die Kleine in der Bar war aber auch offensiv gewesen, sodass ich einfach nicht nein sagen konnte. Nun lag sie schlafend auf meinem linken Arm und hinderte mich an jeder Bewegung. Langsam entzog ich mich ihr und schob mich leise aus meinem Bett.
Nackt stand ich davor und schaute auf die schlafende Schönheit hinunter. Eigentlich hätte ich sie wecken sollen, aber ich hatte nicht wirklich Interesse an Small Talk oder einem gemeinsamen Frühstück, deshalb beschloss ich, zuerst eine Runde laufen zu gehen und ihr einen Zettel hinzulegen.
Vielleicht ging sie von sich aus, ohne, dass ich sie rauwerfen musste.
Gemächlich schlenderte ich ins Bad und nahm auf dem Weg meine Sportsachen aus dem Schrank.
Mit knielangen Shorts und einem grauen Shirt bekleidet, schnappte ich mir einen Block in der Küche und kritzelte meinem Gast eine Nachricht.

Wir sollten das wiederholen. Ich ruf dich an. Max

Selbstverständlich hatte ich nicht vor, den gestrigen Abend wirklich zu wiederholen, ich hoffte, sie verstand diesen offensichtlichen Wink und verschwand, bevor ich wieder zurück war.
Nachdem ich betont laut die Tür meines Appartements ins Schloss fallen ließ, spurtete ich die Treppen hinunter und trat ins Freie. Frische Morgenluft schlug mir entgegen und ich atmete tief ein, bevor ich locker los joggte.
Meine Füße hallten auf dem noch von der Nacht feuchten Asphalt, bis ich den Park erreichte und der Kies unter meinen Füßen knirschte.
Es waren einige wenige Leute unterwegs. Neben anderen Joggern, Menschen, die mit ihren Hunden spazieren gingen, oder Radfahrer auf dem Weg zur Arbeit, fiel ich nicht sonderlich auf.
Durch mein regelmäßiges morgendliches Training war ich gut in Form und hatte selbst nach einigen Kilometern keine Schweißperlen auf der Stirn. Trotzdem musste ich langsam den Heimweg antreten. Es war bereits spät und ich brauchte unbedingt noch eine Dusche, bevor ich mein heutiges Ziel anvisierte.
Mein Chef hatte mir gestern eindringlich klar gemacht, was er von mir erwartete, und ich würde ihn nicht enttäuschen. Könnte ich diesen Deal wirklich an Land ziehen, würde einer Partnerschaft mit meinem Chef Oliver Lübke nichts mehr im Wege stehen. Das zumindest hatte er bei unseren letzten Gesprächen mehr als deutlich durchblicken lassen.
Vor meinem geistigen Auge sah ich die Buchstaben in großen, grauen Lettern über der Tür des Büros in Frankfurt stehen: Lübke & Brandl Immobilien GmbH.
Vielleicht hatten meine Eltern dann endlich einige gute Worte für mich übrig. Ihr ständiges Genörgel, trotz meiner 31 Jahre, ging mir nämlich ordentlich auf den Nerv.
Zurück in der Wohnung blieb ich kurz im Flur stehen und lauschte, hörte aber keine Regung. Auf dem Weg zur Dusche ging ich an meinem Schlafzimmer vorbei und sah mit Genugtuung, dass die Kleine tatsächlich verschwunden war. Ein Grinsen stahl sich auf meine Lippen, als ich mein Badezimmer erreichte und auf dem Spiegel die rote, mit Lippenstift geschriebene Telefonnummer sah. Vielleicht rief ich sie tatsächlich irgendwann an. Mal sehen.
Um nicht direkt aufzufallen, oder gar als Makler enttarnt zu werden, hatte ich mich für eine Jeans und ein lockeres Hemd entschieden. Da auch heute wieder ein heißer Sommertag anstand, krempelte ich die Ärmel nach oben.
Glücklicherweise war die Schwanstraße, die ich suchte, nur einige Ecken von meiner Wohnung entfernt, so konnte ich meinen Audi Zuhause stehen lassen und mir die Parkplatzsuche sparen.
Ich schlenderte über den Gehsteig und schaute mich nach allen Richtungen um. Hier musste es sein. In der Objektbeschreibung standen Kiosk, Frisör, Schuhmacher, Restaurant, Bäckerei. Da ich gerade vor dem Kiosk stand, fing ich doch gleich damit an.
Mein Blick wanderte über diverse Zeitungsauslagen, Süßigkeiten, Zigaretten und Schnaps. In Frankfurt gab es zuhauf dieser Trinkhallen, aus diesem Grund konnte ich mir nicht vorstellen, dass diese hier irgendjemand vermissen würde.
»Hallo?«, rief ich in den Innenraum und sah eine Frau um die fünfzig auf einem Stuhl vor einem kleinen Fernseher irgendwelche Soaps schauen. Natürlich hatte ich ebenfalls einen Fernseher in meiner Wohnung, genaugenommen einen fast zwei Meter breiten Plasmabildschirm, den ich jedoch nicht sonderlich oft nutzte. Vielleicht mal zu einem Fußballspiel, aber mir fehlte einfach die Zeit und auch häufig die Lust, um oft fernzusehen.
Behäbig erhob sie sich von ihrem Platz und ich sah ihr direkt an, dass sie eigentlich keine große Lust hatte, sich von der Glotze loszureißen.
»Hallo. Was kann ich dir bringen?«, fragte sie lustlos mit durch zuviel Zigarettenrauch aufgerauter Stimme. Bei näherer Betrachtung sah ihre Haut ledrig und grau aus, sie hatte wohl einige Sonnenstunden unter der künstlichen Sonne zuviel verbracht.
»Ich würde gerne wissen, wem dieser …«, mein Blick wanderte durch die Auslagen, »… gutgeführte Kiosk gehört?«
Über ihren Mund zog sich ein stolzes Lächeln und sie hustete einige Male, bevor sie antwortete, »Mir, Süßer! Nenn mich Renate, stets zu deinen Diensten.« Ihr Blick wanderte lüstern über meinen Körper und mir war klar, dass ich es bei ihr nicht allzu schwer haben sollte.
Ich streckte ihr meine Hand hin und sie ergriff sie erstaunlich fest: »Max Brandl. Ich interessiere mich für den Standort hier.«
Empört zog sie ihre Hand zurück und riss die Augen auf. »Standort? Der is‘ nicht zu verkaufen, falls du das meinst.«
Ich nickte und zog meine Visitenkarte aus der Hosentasche, legte sie auf die Ablage und schob sie ihr rüber. Heute war mein Ziel, zuerst herauszufinden, wie viele Läden sich hier in der Straße befanden, die abgerissen werden sollten und wen ich dafür bestechen musste.
»Falls Sie es sich anders überlegen, rufen Sie mich an. Vielen Dank«
Im Umdrehen hörte ich noch ihre empörten Rufe: »Niemals! Du und deine anderen Maklerhaie brauchen es gar nicht mehr zu versuchen. Ich hab schon ’n Dutzend von euch abgewimmelt!«
Natürlich. Das sagen sie alle am Anfang. Bis sie unsere Summen hörten.

Vor der Bäckerei standen vereinzelt Tische mit winzigen Stühlen davor. Durch das Schaufenster konnte ich im Inneren des kleinen Ladens einige Menschen erkennen. In Buchstaben über der Tür war ein ovales Schild angebracht: Isas Naschkatze.
Ich musste mir ein Grinsen unterdrücken. Nett. Vielleicht etwas zweideutig, aber nett.
Ich drückte die Glastür auf und vernahm ein seltsames blechernes Miauen, welches mein Eintreten begleitete. Der Laden war bunt zusammengewürfelt eingerichtet, mit den gleichen runden Tischen hier drinnen wie davor. Eine weiße Theke mit einer dunkelbraunen Oberfläche thronte am Kopfende des Raumes, darüber eine gigantische Kreidetafel, auf der die Speisekarte gekritzelt stand. Es war nur wenig Betrieb, einige Frauen in der Ecke, die mich mit verstohlenen Blicken beobachteten.
Mein Blick wanderte nach links und ich sah in ein Paar kastanienbrauner Augen, die mich verwirrt anstarrten. Ihre Wangen färbten sich in ein leichtes Rosa und ihr brauner Pferdeschwanz wippte bei ihren Bewegungen mit, während sie eine Teetasse hektisch daran hinderte, auf einen ihrer Gäste zu fallen.
Durch ihre rote Schürze konnte ich sie eindeutig als Mitarbeiterin identifizieren. Sollte ihr sogar der Laden gehören, würde es ein Einfaches sein, den Deal abzuschließen.
Über meine Lippen zog sich ein zufriedenes Lächeln.
»Hallo.«

3 Gedanken zu „Naschkatze – Episode 2

  1. Liebe Rose,

    hab grad angefangen deine Naschkatzen Episoden zu lesen. 🙂
    Zum Glück hab ich Urlaub und ganz viel Zeit, so kann ich jetzt schön weiterlesen, den aufhören kann ich jetzt nicht. 🙂
    Bin echt gespannt wie es weitergeht, ob Max den Deal abschließen kann. 🙂

    Ganz liebe Grüße

  2. Guten morgen Rose,
    Ich bin endlich dazu gekommen, die Naschkatze zu lesen….
    Episode I ist so traurig …..
    Episode 2 ist toll und verspricht es echt interessant zu werden
    bin schon gespannt, ob Max erfolg haben wird
    liebe grüße Sabrina

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