Blogroman: Poison

Blogroman – Poison – Kapitel 9

 

Vivienne

»Hey, Muffin«, begrüßte mich Jeff mit einem Wangenküsschen und ich nickte ihm lächelnd zu.
»Hi, Unc!« Das Grübchen auf seiner Wange wurde tiefer, als er mir verschmitzt zuzwinkerte und sich durch die grauen Haare strich.
»Bereit?«, fragte er und ging ans andere Ende des Raumes, welcher komplett mit sturzsicheren Gummimatten ausgelegt war. Besser so. Für meinen Onkel. Wobei ich es bei unseren wöchentlichen Trainings oft nicht leicht hatte. Aber leicht brachte einen auch nicht weiter …
»Klar …«, bevor ich Luft holen konnte, drehte er seinen ein Meter achtzig großen Körper blitzschnell um und rannte auf mich zu. Ich hechtete zur Seite, verlor fast das Gleichgewicht, aber konnte mich trotzdem aufrecht halten. Ich hätte es wissen müssen. Jeff wartete nie auf ein Startsignal, aber das taten meine üblichen Angreifer ebenfalls nicht.
Ich spürte seinen Arm um meine Taille und er zog mich kraftvoll zurück. Alle Luft entwich aus meinen Lungen, als ich mit dem Rücken auf dem Mattenboden aufklatschte.
»Du bist unaufmerksam, Muffin«, sagte er grinsend und ging einen Schritt zurück, während ich mit einem Satz auf meine Füße sprang.
»Und du hinterlistig.«
»Nur, weil du meine Nichte bist, werde ich dich nicht schonen, das weißt du doch!«
Ich rannte auf ihn zu, rutschte auf den Boden und trat ihm mit einem kräftigen Tritt die Beine weg. Mit einem lauten Knall kam er ächzend auf, ich rollte mich hinüber und versuchte, einen seiner Arme in eine Art Schraubzwinge zu packen.
Doch er hatte sich schnell wieder im Griff und drückte mich mit der Hand an meiner Kehle auf den Boden. Mist. Sonst war ich immer vorbereitet, doch irgendetwas machte mich heute langsam. Vielleicht meine abschweifenden Gedanken an den gestrigen Abend …
»Irgendwas ist doch los mit dir!«, sagte Jeff, ließ locker und richtete sich auf. Ich ignorierte seine Hand, die er mir zum Aufhelfen hingestreckt hatte, und stand mit einem Sprung alleine auf.
»Nichts«, sagte ich und zog den Saum meines schwarzen Sporttops nach unten.
»Ich kenne dich, ab dem Tag deiner Geburt. Du hast schon mit drei Jahren die Jungs im Kindergarten fertig gemacht und mit achtzehn deinen ersten Job erledigt. Wenn ich dich so leicht überwältigen kann, ist irgendwas mit dir, Muffin.«
Ich seufzte und ging an die breite Spiegelwand, vor der meine Wasserflasche stand. Nachdem ich die Flasche an meine Lippen gesetzt hatte, trank ich sie fast in einem leer, nur damit ich ihm nicht antworten musste.
Nicht, weil ich nicht wusste, wie ich ihm überhaupt erklären sollte, was mit mir los war, denn Jeff war der Bruder meines Vaters. Er wusste tatsächlich alles von mir. Sondern eher, weil ich Angst vor seiner Reaktion hatte, denn ich hatte noch etwas anderes im Kopf, außer Jaden.
»Ich will den Job erledigen. Es ist Zeit«, sagte ich und sah ihn mutig an. Er schüttelte den Kopf und kam einen Schritt auf mich zu.
»Vivienne …« Oh je, er nannte mich nur bei meinem Namen, wenn er sauer oder ernst war. »Ich halte das für keine gute Idee. Selbst wenn du Mattia kriegst … du wirst sie nicht zurückholen können.«
Wut verdrängte jedes andere Gefühl. Es war schließlich auch sein Bruder, der von dem Mistkerl Mattia umgebracht worden war! Wie konnte er das einfach auf sich beruhen lassen!
»Unc, du weißt, ich muss es tun. Ich habe nur dafür gelebt! Nur das konnte mich wieder zurückholen und es ist die einzige Möglichkeit abzuschließen!«
Er kam noch näher und legte eine Hand auf meine Schulter. Bedauern funkelte in seinen grünen Augen, die denen meines Vaters so ähnlich waren und mir einen Stich versetzten. »Bitte, ich vermisse deine Eltern genauso. Wie könnte ich auch nicht! Aber, es wird nichts ändern! Du bringst dich dabei nur in Gefahr und ich könnte es nicht verkraften, wenn dir auch etwas geschieht. Ich habe es deinem Dad versprochen, auf dich aufzupassen.«
Seufzend wandte ich mich aus seinem Griff und stellte trotzig die Flasche wieder zurück.
Ich hatte es beschlossen, ob er nun dafür war oder nicht. Es war meine Entscheidung. Mein Leben.
»Ich hätte einen anderen Auftrag für dich, wenn du unbedingt etwas tun willst«, sagte er und ich schüttelte den Kopf. Jeff war nicht nur mein einziger lebender Verwandter, sondern praktischerweise auch der Mann bei der Regierung, der mir meine Aufträge verschaffte. Genau wie meinen Eltern vor mir.
»Ich kann nicht«, sagte ich bedauernd und seufzte. »Bereit für die zweite Runde?«, wechselte ich das Thema und er nickte traurig, denn er wusste, dass er mich in diesem Moment auf gar keinen Fall umstimmen konnte.
Zwei schweißtreibende Stunden später verabschiedete ich mich von meinem Onkel und ging in die Umkleide, um zu duschen. Davor zog ich mein Handy aus der Tasche, um zu sehen, ob Natascha sich gemeldet hatte. Ich hatte gestern kein gutes Gefühl dabei gehabt, als sie anscheinend mit diesem Bären abgehauen war, deshalb wollte ich unbedingt wissen, wie es ihr ging. Mit einem Fingerwisch öffnete ich die Nachricht.

Süße, es geht mir gut!
Sogar sehr gut! 😉
Nico ist phantastisch, du brauchst dir keine Sorgen zu machen! Melde mich später!
Küsschen

Na immerhin waren wenigstens zwei auf ihre Kosten gekommen.
Doch auf dem kleinen Display prangte noch etwas anderes. Ich kannte die Nummer genau, denn ich hatte sie gestern selbst gewählt. Jaden.
Verdammter Mist, woher hatte er meine Handynummer? Er konnte sie nur von seinem Freund und der von Natascha haben. Danke auch, beste Freundin!
Hartnäckig war er anscheinend auch noch, denn er hatte dreimal angerufen und eine Nachricht geschickt.
Ich öffnete sie.

Liebe Vivienne,
keine Spielchen mehr!
Ich würde mich sehr freuen, von dir zu hören.
Du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf!
Liebe Grüße
Jaden

Schade, eigentlich hatte ich gegen ein bisschen spielen meistens überhaupt nichts … Ich war selbst verwirrt, wie mich der Anblick von Jaden mit dieser Tussi durcheinandergebracht hatte. Oder, dass ich noch einen einzigen weiteren Gedanken an ihn verschwendet hatte. Ehrlich gesagt, waren es sogar weitaus mehr, als nur einer …
Ich hatte kein Problem mit lockeren Geschichten, etwas anderes wäre mit meinem Job auch nicht möglich gewesen. Aber das hier fühlte sich anders an. Verwirrend. Nervenaufreibend. Schön.
Doch das ging nicht. Unter gar keinen Umständen konnte ich mich tiefer auf irgendjemanden einlassen. Es könnte gegen mich verwendet werden, würde es nur kompliziert machen!
Seufzend ließ ich das Handy sinken.

Sollte ich ihm antworten?
Oder besser nicht?

 

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