Blogroman: Poison

Blogroman – Poison – Kapitel 5

Vivienne

Auf dem Weg zum Fluss, in dem ich meine Waffe entsorgt hatte, hatte ich meiner Freundin Natascha Bescheid gesagt, dass ich später kam. Glücklicherweise war sie noch da, als ich, flankiert von diesem riesigen Typ, die Bar betrat. Seitdem spürte ich die Blicke auf meiner Haut, die bei der Aufmerksamkeit dieser Kerle prickelte. Aber nicht nur im Guten. Natürlich mochte ich es, wenn ein Mann offensichtliches Interesse zeigte und dabei noch so aussah, wie die Typen an dem Tisch gegenüber. Denn einerseits war ich nach einem Job immer total aufgeheizt und ein Mann, wie einer von ihnen, würde mir gerade recht kommen.
Trotzdem war ich misstrauisch, vor allem, wenn ich gerade erst einen Auftrag hinter mich gebracht hatte. Hatte einer von ihnen mich im Hotel gesehen und erzählte seinen Freunden nun von mir?
»Hörst du mir zu?« Natascha wedelte vor meinem Gesicht herum und ich lächelte sie entschuldigend an.
»Sorry … War stressig auf der Arbeit. Mein Chef will bis morgen noch eine Präsentation auf seinem Tisch und ich habe gerade überlegt, wie früh ich morgen im Büro sein muss …«, log ich sie an. Ich war es gewohnt, den Menschen in meiner Umgebung nicht die Wahrheit zu sagen. Meine Eltern hatten mir früh eingebläut, dass es keinen etwas anging, was unsere Familie tat. Außerdem glaubte mir sowieso keiner, wenn ich sagte, dass ich Menschen gegen Geld tötete.
Tylor Almond hatte mich während der Schulzeit immer wieder gepiesackt. Ich wusste nicht, was ich ihm angetan hatte, vielleicht war er auch schon als Kind einfach nur ein Arschloch gewesen. Aber als ich ihm angedroht hatte, meine Eltern würden ihn umlegen, weil sie Killer waren, hatte er mich nur ausgelacht und ich hatte einige noch schlimmere Jahre hinter mir. Seitdem vermied ich es, mich irgendjemandem anzuvertrauen.
Wenn es jemand glaubte, würde er es sowieso nicht verstehen …
»Hey, Ladys!« Ich sah nach oben und der Riese von eben stellte zwei Sekt vor uns ab, setzte sich einfach auf den freien Stuhl neben mich und hielt mir seine Hand hin. »Ich bin Nico, ist hier noch frei?«
Ich zog die Augenbraue hoch und rückte ein Stück von ihm ab, weil sein breiter Oberarm aufdringlich meine Haut berührte.
»Du sitzt doch schon, oder?«, sagte ich, ohne meine Hand zum Gruß zu heben, und er ließ seine wieder sinken. Dafür legte er jetzt seinen Arm auf meiner Stuhllehne ab und lehnte sich entspannt zurück, als wolle er sich hier häuslich einrichten.
Ich sah zu meiner Freundin, die sich ein Kichern nicht verkneifen konnte.
»Verratet ihr mir auch eure Namen?«, fragte er und sah Natascha an. Ich betrachtete sein Profil. Er war wirklich ein extrem großer Mann. Sein Hemd spannte über seinen Oberarmen und er überragte mich selbst im Sitzen um fast zwei Köpfe. Sein Lächeln war ganz süß und seine braunen Haare voll. Ziemlich Attraktiv. Trotzdem erkannte ich das Funkeln in Nataschas Augen, als sie ihm ihren Namen verriet und ich spähte an ihm vorbei zu dem Tisch, an dem seine drei anderen Freunde saßen.
Der eine davon war mir beim Reingehen schon aufgefallen und genau dieser sah mir jetzt direkt ins Gesicht. Er trug einen dunkelgrauen Anzug und ein schwarzes Hemd. Seine Miene zeigte keine Regung. Ich erlebte es nicht oft, dass ich in einem Menschen rein gar nichts lesen konnte, aber der Typ drückte überhaupt nichts aus und doch konnte ich mich ihm nicht entziehen. Das Gespräch an meinem Tisch ging einfach an mir vorbei, war wie ein Rauschen im Hintergrund.
Mein Herz schlug zwei kleine Takte schneller, als sein Mundwinkel ein klitzekleines Bisschen belustigt nach oben zuckte.
»Vivienne, also«, sagte dieser Nico. Ich blinzelte einige Male, löste mich von dem Anblick seines Freundes und sah ihn an.
»Ertappt.«
»Natascha hat gerade erzählt, ihr kennt euch seit dem Studium?« Ach ja, mein Alibi-Studium in Archäologie und BWL. Zwei Fächer, die ich nebenbei belegen konnte, während ich meinen Hauptjob weiterführte.
»Ja, klar … Wenn sie das erzählt hat, wird es wohl stimmen.« Ich sah zu ihr rüber und sie gab mir unmissverständliche Zeichen, dass sie tatsächlich Gefallen an diesem Kerl hatte. Ich konnte mir ebenfalls vorstellen, dass er seine Vorzüge hatte.
»Ich geh mal kurz auf die Toilette«, sagte ich und stand auf. Natascha nickte mir dankend zu, während Nico fast so etwas wie enttäuscht aussah. Bis er sich wieder meiner Freundin widmete und diese Enttäuschung äußerst schnell verflog. Auf meinem Körper spürte ich die Blicke des anderen Typen, als ich hüftschwingend den Raum durchquerte.
In den Waschräumen angekommen, machte ich mich vor den Spiegeln frisch und trödelte extra ein wenig, damit Natascha genug Zeit blieb diesen Nico klarzumachen.
Als ich die Tür wieder aufdrückte, sah ich den breiten Rücken eines Mannes, vor dem Zigarettenautomaten im Flur stehen. Langsam drehte er sich zu mir um und ich erkannte Nicos Freund.
»Hey.« Seine Stimme war dunkel und etwas rau, genau wie der ganze Mann. Seine dunkelbraunen Haare hatten die perfekte Länge um sich beim Sex darin reinzukrallen und über seinen Kiefer zog sich der Schatten eines Bartes.
»Hi«, erwiderte ich seine Begrüßung.
»Hast du Kleingeld?« Er nickte zum Automaten und ich schüttelte den Kopf. Ich verabscheute es, zu rauchen.
»Lass den Mist lieber. Er könnte tödlich enden.« Bei meinem letzten Satz wurden seine Augen noch dunkler, fast schwarz. Tiefschwarz wie eine Nacht ohne Mond. Jede andere Frau hätte von seinem eindringlichen Blick wahrscheinlich mächtig das Höschen voll, aber mich machte er unfassbar an.
Er drehte sich ganz zu mir um und stützte sich an der Wand neben mir ab, sodass ich halb gefangen war.
»Was ist, wenn ich sage, dass du recht hast, ich das Risiko aber trotzdem eingehe«, raunte er und mein Atem beschleunigte sich, als er sich noch ein Stück weiter zu mir hinunterbeugte. Ich ging ihm trotz Highheels bis zur Brust.
»Dann bist du entweder lebensmüde oder süchtig«, erwiderte ich leise und hielt seinem Blick stand. Er senkte den Kopf noch ein Stück und ich spürte den Hauch seines Atems an meinem Hals. Sein Geruch war männlich, frisch und extrem appetitlich.
»Und was, wenn es beides ist«, flüsterte er mir in mein Ohr und löste sich wieder. Ich konnte kaum noch klar denken. Er strahlte etwas Gefährliches aus, hatte mich kein einziges Mal angelächelt oder seine harte Miene verloren. Und trotzdem zog er mich an. Vielleicht gerade deswegen. Weil ich genau das brauchte. Natürlich hatte ich Männer zum Zeitvertreib gehabt, aber die meisten waren einfach Lutscher.
Seine Augen wanderten auf meine Lippen. Alles in mir pulsierte, bei dem Gedanken daran, ihn zu küssen, obwohl ich noch nicht mal wusste, wie er hieß. Ich könnte ihn einfach auf die Toilette ziehen und diese extreme Anspannung loswerden, die offensichtlich in uns beiden herrschte.
»Ist dein Lippenstift kussecht?«
»Keine Ahnung, beim Kauf nicht drauf geachtet«, hauchte ich und wünschte mir nichts sehnlicher, als es einfach mit ihm auszuprobieren.
Er kramte in seiner Hosentasche und hielt mir eine Visitenkarte hin.

Jaden Archer. Broker.

Das erklärte zumindest den teuren Anzug und die Rolex an seinem Handgelenk.
»Ich würde mich freuen, wenn du dich meldest, sobald du und deine Freundin euren Abend beendet habt. Ich bin lange wach«, sagte er und mein Blick wanderte wieder in seine schwarzen Augen. Eine noch plumpere Einladung zum Sex gab es kaum. Aber etwas anderes wollte ich von ihm schließlich auch nicht.
Er erkannte an meiner Miene, dass ich wusste, auf was er hinauswollte und zuckte leicht entschuldigend mit den Schultern, als müsse er sich erklären. Bei den meisten Frauen traf dies wohl auch zu.
»Ich bin kein Mann großer Worte …« Er lehnte sich wieder zu meinem Hals und drückte mir einen zärtlichen Kuss auf die Haut unter meinem Ohr, biss mir danach direkt in mein Ohrläppchen. »… aber großer Taten.«
Auf einmal drückte er sich von der Wand ab, drehte sich um und verschwand hinter der Tür zur Bar. Ohne ein weiteres Wort oder einen letzten Blick. Verdammt.
Ich sah erneut auf die Visitenkarte. Er wollte noch nicht mal meinen Namen wissen und hatte sich auch nicht richtig die Mühe gemacht, sich selbst vorzustellen. Aber wollte ich so etwas nicht? Brauchte ich so etwas nicht sogar? Anonymität?
Ich steckte das Kärtchen in meine Handtasche und ging wieder hinaus. Mein Plan wäre gewesen, einfach locker zu unserem Tisch zu schlendern, Jaden nicht zu beachten um ihn genauso zappeln zu lassen. Doch mir bot sich ein ganz anderes Bild.
Nataschas Zunge steckte tief in Nicos Mund, während sie an unserem Tisch übereinander herfielen. Und der Tisch, an dem Jaden mit seinen Freunden gesessen hatte, war leer. Er war einfach gegangen.
Was war das für eine bescheuerte Show gerade eben, wenn er doch überhaupt kein wirkliches Interesse hatte? Doch er war so heiß gewesen, dass meine Knie immer noch leicht zitterten, wenn ich an seine Stimme dachte.
Sollte ich über meinen Stolz springen und ihn anrufen?
Oder besser nicht und alleine heimfahren?

 

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