Blogroman: Poison

Blogroman – Poison – Kapitel 3

 

Vivienne

Ich ignorierte das nervige Brummen meines Handys und öffnete meine Tasche, um das Gift herauszuholen.
»Was war das für ein Geräusch?«, vernahm ich die bedrohliche Stimme meines Opfers hinter mir, erschrak und zuckte zusammen, während ich das Fläschchen gerade öffnen wollte. Es glitt mir fast aus den urplötzlich schweißnassen Fingern und mein Herz begann heftig zu Wummern.
»Was zum …?«, hörte ich sein Zischen, drehte mich schnell um und versteckte die kleine Flasche hinter meinem Rücken.
Zielperson D’Angelo stand nur in Boxershorts gekleidet vor mir. Seine Augen wurden zu Schlitzen und sein Blick zuckte über meinen Körper, als suche er nach einer Antwort.
»Hey, ich habe doch gesagt, ich komme sofort …«, wisperte ich und klimperte einige Male mit den Wimpern. Verdammte Scheiße! Wieso hatte ich bescheuerte Kuh mein Handy nicht vollständig ausgemacht? Stattdessen störte es mich bei meinem Job. Nicht gut.
»Hast du etwa telefoniert?«, fragte er fast knurrend und ich schüttelte langsam den Kopf. »Telefoniert? Wie kommst du darauf?« Natürlich war ein Typ wie er misstrauisch, er hatte auch allen Grund dazu. Vielleicht dachte er, ich wollte ihn ausspionieren. Wenn er da nicht mal so falsch lag, wie es nur ging, denn eigentlich interessierte ich mich keinen Deut für ihn. Nur für das hübsche Kopfgeld, das er mir einbrachte …
Mein Blick flackerte kurz nach links zu meiner Tasche, die immer noch auf dem Couchtisch stand. Wenn der Giftplan nicht umsetzbar war, musste ich eben irgendwie an meine Waffe kommen. Der Schalldämpfer war schon montiert. Genervt dachte ich dran, dass ich mich doch mit dem Blut auf meiner Kleidung herumärgern musste.
»Was hast du hinter dem Rücken?« Er kam einen Schritt auf mich zu.
Ich seufzte. »Du hättest es einfacher haben können, D’Angelo. Du hättest überhaupt nichts gemerkt …«
»Wie bitte?«, fragte er rau und ich lächelte bitter.
»Du wusstest doch, dass der Tag irgendwann kommt. Komm schon, du bist doch ein schlaues Kerlchen!«
Verwirrt sah er mich an, als würde ich gerade verrückt werden und so fühlte ich mich auch. Meistens jedenfalls.
»Glaubst du, dass du mit dem, was du tust, ungestraft durch kommst? Die Regierung hat schon eine ganze Zeit lang ein Auge auf dich geworfen, aber das Ding mit dem Waffenhandel war einfach zu viel. Hättest lieber ein kleiner Ganove bleiben sollen, dann wärst du vielleicht überhaupt nicht auf dem Radar aufgetaucht. Größenwahn ist schon ein linkes Miststück, oder?«
Ich sah in seinem Gesicht, dass es auf einmal Klick machte. Mit voller Wucht schleuderte ich ihm das Giftfläschchen entgegen und er sprang einen Satz stöhnend zurück. Ich hastete nach vorne, ergriff meine Tasche, da hatte D’Angelo bereits die Überraschung überwunden. Er hechtete ins Schlafzimmer und brachte sich in Sicherheit.
Verdammter Mist! Wahrscheinlich hatte er dort eine Knarre gebunkert.
Mit meiner Tasche unter dem Arm eilte ich hinter die nächste Wand und ging in Deckung.
»Du Schlampe! Ihr Penner kriegt mich nicht!«, schrie er in den Raum und ich lud meine Waffe. Meine Handtasche warf ich in Richtung Eingangstür und drückte mich mit dem Rücken dichter gegen die harte Wand. Leicht lehnte ich mich nach vorne und spähte um die Ecke, als ein Schuss in rasender Geschwindigkeit an mir vorbeisauste.
Oh man, er würde noch das ganze Hotel auf uns aufmerksam machen. Wie sollte ich nachher wegkommen, wenn er solch einen Lärm veranstaltete? Denn, dass ich ihn kriegte, stand außer Frage.
»Ich will nur reden!«, log ich und hörte ein bitteres Lachen.
»Na klar! Reden! Denkst du, ich bin dort, wo ich jetzt bin, weil ich dumm bin? Ohne mich läuft in dieser Stadt überhaupt nichts!«
Pff! Eingebildet war er auch noch … Während er mir allerlei Dinge an den Kopf warf, zog ich meinen linken Schuh aus und schleuderte ihn in den Raum. Der Penner fing sofort an zu ballern.
Genau in dem Moment, in dem er aufhörte, sprang ich nach vorne und suchte hinter der Couch Deckung. Weitere Kugeln flogen an mir vorbei und ich hoffte, dass das Sofa alle davon abhalten würde, bevor sie sich in meinen Rücken bohrten.
Ich versuchte, meine Atmung zu kontrollieren, atmete tief ein und wieder aus. Danach schloss ich meine Augen.
»Na, D’Angelo! Hattest gedacht, du hättest heute noch deinen Spaß, oder? Dabei habe ich ihn jetzt ganz alleine, wenn ich dich Schweinehund kalt machen darf!«
Er lachte auf. »Das denkst auch nur du, Miststück!« Mit seiner Aussage hatte er seinen Standort verraten. Amateur.
Ich zog meinen anderen Pump aus, schleuderte ihn über die Couchlehne hinter mich, und sein überraschter Schrei sagte mir, dass ich ihn damit irgendwo getroffen hatte.
Blitzschnell drückte ich mich aus meiner Deckung und zielte. Und das, was einmal D’Angelos Kopf gewesen war, klebte nun an der Wand.
Sein großer Körper kippte leblos nach hinten und ich atmete aus. Na also. Nur weil ich Gift lieber nutzte, hieß es nicht, dass ich eine Fliege nicht in einer Entfernung von zweihundert Metern auf einer Coladose treffen konnte. Ich sah kurz nach oben, dort, wo ich den Himmel vermutete. Wenn es so etwas überhaupt gab …
»Danke, Papa!«, sagte ich, denn die Ausbildung meiner Fähigkeiten hatte bereits früh in meiner Kindheit begonnen. Genaugenommen, seitdem ich stark genug war, eine Waffe zu halten. Und das war wirklich echt früh …
Während andere Mädchen mit ihren Puppen spielten, hatte ich gelernt, wie man mit einer Knarre umging, das tödlichste Gift zusammenmischte und wo man einen Mann mit der Handkante treffen musste, damit er sofort zu Boden ging.
Aber genug mit der Sentimentalität. Auch wenn ich nach jedem erfolgreichen Job meinen Eltern dankte, ich musste hier aufräumen. Und vor allem meine Spuren beseitigen.
Nachdem ich alles eingesammelt hatte, wischte ich noch über jeden Gegenstand, jede Klinke, jede Wand, die ich berührt hatte und ging hinaus. Wobei ich eigentlich nicht viel zu befürchten hatte, denn die Regierung würde sich hier schon einbringen. Schließlich hatten sie mich angeheuert.
Als ich den Aufzug erreicht hatte, sah ich, während die Türen zuglitten, wie ein Hotelangestellter über den Flur rannte. Es würde ungefähr zehn Minuten dauern, bis das ganze Hotel bis obenhin mit Bullen voll war. Aber bis dahin wäre ich schon bei Natascha und würde den ersten Whisky des Abends genießen.
Mithilfe der Spiegel an den Liftwänden richtete ich meine Frisur und zog meinen roten Lippenstift nach. Ich liebte meinen Job. Wirklich. Ich konnte es nicht anders ausdrücken. Nicht allein, weil es mir eine unglaubliche Erfüllung gab, solche Schweine wie D’Angelo, der nicht nur Waffen, sondern auch Frauen, schmuggelte, das zuteilwerden zu lassen, was er verdiente. Gut, ich konnte jetzt nicht behaupten, dass mich das Geld überhaupt nicht interessierte, denn das war wirklich nicht zu verachten. Aber der eigentliche Grund waren meine Eltern. Ich war in ihre Fußstapfen getreten, und vor allem, wollte ich sie rächen. Und ich war noch nie so nah dran gewesen, wie jetzt. Eigentlich hatte ich nur für diesen einzigen Tag geübt und gelebt … Ich löste meine zu Fäusten geballten Hände und sammelte mich. Der Aufzug glitt in der Tiefgarage auf und ich durchquerte diese. Ich wollte nicht riskieren, dass mich die Bullen am Eingang abfingen. Draußen angekommen stieg ich in meinen Wagen und fuhr durch die immer noch belebte Stadt zu der Lieblingsbar meiner Freundin Natascha und mir. Wir trafen uns dort jede Woche regelmäßig, um uns nach Feierabend den ein oder anderen Drink zu genehmigen.
Die neonblaue Leuchtschrift des Hyde blinkte mir schon von weitem entgegen, als ich auf dem Parkplatz davor einparkte. Ich stieg aus, richtete mein kurzes Kleid und hielt meine Tasche unter dem Arm. Ich ließ sie niemals unbeaufsichtigt alleine rumstehen. Natürlich nicht, bei dem Inhalt.
Mist. Mir fiel auf, dass in genau dieser noch meine Waffe war. Normalerweise entsorgte ich alle Beweise in dem nahegelegenen Fluss, denn es war nicht schwer für mich, an eine neue Knarre ranzukommen.
Aber Natascha wartete bereits seit einer halben Stunde auf mich. Das Missgeschick mit D’Angelo hatte mich im Zeitplan nach hinten geworfen und sie könnte misstrauisch werden, wenn ich sie erneut warten ließ.
Was sollte Vivienne tun?
Die Waffe sicherheitshalber jetzt entsorgen oder es auf später verschieben?

 

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6 Gedanken zu „Blogroman – Poison – Kapitel 3

  1. Ich würde eigentlich sagen entsorgen ABER es wäre doch mal interessant was passiert wenn Vivienne die Waffe später entsorgt..
    Also ich bin für später entsorgen.
    Einen schönen 2. Feiertag wünsche ich dir.
    Liebe Grüße Antje

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