Blogroman: Poison

Blogroman – Poison – Kapitel 2

Jaden

Genüsslich pustete ich den Rauch aus meinen Lungen. Kringelnd stieg er in die Luft, während meine Augen direkt auf mein Zielobjekt gerichtet waren. Eigentlich verfluchte ich diese verdammten Zigaretten. Trotzdem hatte es sich irgendwie zur Tradition entwickelt, mir eine vor und eine nach meinem Job zu genehmigen. Ich musste kurz bitter auflachen, als ich an den Tag dachte, an dem alles begonnen hatte. Bei meinem ersten Auftrag observierte ich mein Opfer schon einige Wochen, bevor ich überhaupt den Mut fand, annähernd in seine Nähe zu kommen. Verzweifelt und nervös, wie ich mit zwanzig gewesen war, hatte ich mir, nur um irgendetwas gegen den Drang zu tun, wegzurennen, Kippen gekauft. Vorher hatte ich schon einige Zeit mit dem Mist aufgehört und trotzdem waren die Gelüste in dieser Stresssituation direkt wieder da.
Egal, trotzdem war die Quote meines Konsums nicht bedenklich. Bei zehn Jahren im Geschäft und sechs Zigaretten den Monat kam ich auf gerade mal … bevor ich meinen Gedankengang zu Ende bringen konnte, kam Bewegung in die Szenerie vor mir.
Ich schnickte den Stummel von dem Dach, auf dem ich stand, in die dunkle Tiefe und trat einen Schritt nach vorne. Auch wenn ich mich verraten könnte, wenn ich aus dem Schatten heraustrat, musste ich doch sicher sein, was gerade in der Wohnung gegenüber passierte. Glücklicherweise war diese durch raumhohe Fenster direkt einzusehen. Machte es mir auf jeden Fall um einiges leichter. Eigentlich wollte ich nach der Zigarette meinen Job durchführen, den Penner durch die Fensterscheibe abknallen und abhauen. Doch jetzt sah es so aus, als bekäme er Besuch.
Der fette Typ zog mit einem widerlichen Grinsen den Gürtel seines Bademantels enger und ging zur Tür. Dort angekommen öffnete er sie und eine dünne Blondine trat herein. Mist. Wenn ich heute keine zwei Leute erledigen wollte, und vor allem nicht eine unschuldige Nutte wie diese hier, musste ich abbrechen. Denn ich würde ganz sicher nicht warten, oder sogar dabei zusehen, wie der Mistkerl seine Bestellung bumste.
Andererseits hatte ich meinem Auftraggeber Mattia Venti versprochen, dafür zu sorgen, dass diese Ratte Frederico starb. Heute. Schließlich hatte Mattia rausbekommen, dass der schmierige Fettsack morgen mit den Insiderinfos zu den Bullen rennen wollte.
Seufzend ging ich wieder einen Schritt zurück. Mein Scharfschützengewehr stand bereit am Dachende und wartete nur auf seinen Einsatz. Mit verschränkten Armen lehnte ich mich gegen den Schornstein in meinem Rücken und sah nach oben in den sternenklaren Nachthimmel. Hoffentlich hatte der Penner im Bett so eine miserable Kondition, wie er aussah.
Das Glück stand auf meiner Seite und nach zwanzig Minuten verließ Blondie die Wohnung. Eigentlich keine schlechte Sache, dass sie da gewesen war, denn der Verdacht des Mordes könnte auf sie zurückfallen. Aber da ich sowieso niemals Spuren hinterließ, brauchte ich auch nichts zu befürchten.
Frederico lief durch das angrenzende Wohnzimmer und ich legte mich flach auf den Bauch. Ich kniff mein rechtes Auge zu und sah mit dem linken durch den Sucher. Das kleine Fadenkreuz war direkt auf seinen fetten, haarlosen Schädel gerichtet.
Adrenalin rauschte durch meine Adern, obwohl ich äußerlich ruhig war. Ich war geübt, das hier war ein Job wie jeder andere auch. Und wenn man dabei noch den Abschaum der Menschheit eliminieren konnte, noch besser.
Frederico ging auf eine Tür zu. Ich atmete tief ein. Hielt die Luft an.
Zielte.
Drückte ab.
Die Kugel sauste durch die Luft, durchbrach das Fenster genauso mühelos wie Fredericos Kopf. In der Ruhe des Abends hörte man nach dem kurzen Geräusch des springenden Glases nichts. Ich sah, wie der weiche, runde Körper zu Boden ging. Er legte den Blick auf die rotgesprenkelte Wand dahinter frei. Nicht sehr appetitlich, aber nicht vermeidbar. Töten war nun mal keine saubere Angelegenheit. Jeder, der etwas anderes behauptete, hatte keine Ahnung.
Nach einem letzten Atemzug packte ich eilig meine Sachen, kontrollierte das Dach nach Spuren und nahm die Treppe ins Erdgeschoss zu meinem A6. Eigentlich fuhr ich lieber mit meiner Suzuki, aber es würde eventuell auffallen, wenn ein Mann mit einem Motorrad und einem Scharfschützengewehr über den Schultern durch die Stadt fuhr. Schade.
Bevor ich den Wagen startete, zog ich mir noch eine Kippe-für-danach aus dem Päckchen und fuhr zu Mattia, um ihm von meinem erfolgreichen Job zu berichten. Und vor allem, um mein Geld bei ihm abzuholen.
Vor dem schmiedeeisernen Tor angekommen, ließ ich meine Fensterscheibe herunter und drückte auf den Klingelknopf. Ein Kratzen kam aus der Sprechanlage, danach eine rauschende Stimme.
»Hit, alter Kumpel! Wegen dir hab ich meine Wette verloren, du hast ne‘ halbe Stunde länger gebraucht, als üblich.« Ich lachte kurz auf und legte meinen Arm auf der Türverkleidung ab.
»Hätte ich dem Saftsack Frederico nicht beim Vögeln zusehen müssen, wäre ich schon vor einer Stunde hier aufgetaucht.« Gespielten Würgegeräuschen folgte ein raues Lachen und ich schüttelte grinsend den Kopf.
»Danke, für dieses widerliche Kopfkino …«, sagte Nico und in der gleichen Sekunde glitt endlich das breite Tor vor mir auf. Über den Schotter der Einfahrt fuhr ich auf das gigantische Herrenhaus zu. Mattias Familie besaß dieses schon seit Generationen, genauso wie ihren Ruf und ihr Geschäft. Mattias Vater hatte seinen Job von seinem eigenen Vater geerbt, und so auch Mattia.
Mir war dieses ganze Gebilde ziemlich egal, Hauptsache mein Chef beglich seine Rechnungen regelmäßig und zuverlässig. Und das tat er.
Ich parkte meinen Wagen, stieg aus und folgte den Treppen zur Eingangstür.
Ein großer Schatten legte sich über mich, als Nico die Tür aufriss und mich von oben amüsiert anfunkelte. Nico war mein Kollege, der hin und wieder als Ablenkung meiner Zielobjekte einsprang und war in der Zwischenzeit auch so etwas wie ein Freund geworden. Mit seiner Größe von über zwei Metern, seiner Breite, die der eines Bären glich und seinen tellergroßen Händen war es sowieso besser, ihn auf seiner eigenen Seite zu wissen.
Es gab ein klatschendes Geräusch, als er mit mir einschlug. »Der Boss wartet schon auf deine positiven Nachrichten, aber Mann, wegen dir hab ich einen Zwanziger verloren!«
»Kann ich was dafür, dass du dich immer auf solche schwachsinnigen Wetten einlässt? Investier dein Geld lieber in andere Dinge«, sagte ich grinsend und trat ein.
»In was denn zum Beispiel? Frauen, so wie du?«
»Keine Sorge, Großer! Sex ist das Letzte, für das ich etwas bezahlen muss …«
Mit einem letzten Nicken in seine Richtung ging ich auf Mattias Büro zu. Als ich angeklopft hatte, und sein »Ja?« vernahm, trat ich ein.
»Ach, Mister Archer! Schön Sie zu sehen! Ist die Sache erledigt?«
»Sicher«, antwortete ich und nickte meinem Boss zu. Ein zufriedenes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und er lehnte sich in dem hohen Schreibtischstuhl ein Stück zurück.
»Setzen Sie sich noch einen Moment«, sagte er und deutete auf den Stuhl vor ihm. Ich nahm Platz und er legte die Hände verschränkt auf die Tischplatte.
»Ich habe direkt einen neuen Auftrag.« Natürlich. Als hätte ich erwartet, dass er mir jetzt erst einmal einen Urlaub auf den Bahamas gönnte.
»Der Job muss schnellstmöglichst erledigt werden. Mir ist zu Ohren gekommen, dass die Zielperson mir schaden will. Genauer gesagt, will sie meinen Tod. Selbstverständlich muss ich dieses Problem direkt im Keim ersticken.« Er fuhr sich durch die graumelierten Haare. Anscheinend hatte er gute, italienische Gene, denn sie waren noch recht voll für einen Mann seines Alters.
»Gerne. Welche Informationen haben Sie über ihn?«, fragte ich und er lachte kurz bitter auf.
»Über sie.«
»Wie meinen Sie?«, ich runzelte die Stirn und sah ihn eindringlicher an.
»Über sie. Die Zielperson ist diesmal eine Frau.«
Okay, das war eine Premiere. Auch wenn man nicht gerade behaupten konnte, dass ich ein Mann mit viel Gefühl war, waren Kinder und Frauen bisher immer Tabu gewesen. Was sollte eine einzelne Frau auch ausrichten können? Ich musste fast lachen, weil Mattia tatsächlich annahm, dass ein Weib ihm gefährlich werden könnte.
»Ist das wirklich nötig, ich meine … eine Frau?«, fragte ich ungläubig und zog eine Augenbraue nach oben. Der Gesichtsausdruck meines Chefs verwandelte sich auf einmal zu angespannt. Die Falten um seine Augen wurden tiefer, und sein Mund formte sich zu einem Strich.
»Glauben Sie mir, wenn ich sage, dass es unbedingt nötig ist! Sobald, wie möglich! Nehmen Sie an, oder ziehen Sie den Schwanz ein?«, fragte er scharf. »Ich werde ihr Gewissen dafür großzügig belohnen. Reichen Ihnen eine halbe Million aus?« Ich sog zischend die Luft durch die Zähne.
Eine Frau … Das wäre ein wirklich leichter Job und vor allem verdammt viel Geld! Meine Güte, dass der Auftrag soviel wert sein sollte, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen! Andererseits hatte ich nicht viele Prinzipien, aber die wenigen pflegte ich einzuhalten. Doch ich wusste, wie Mattia gegenüber Absagen reagierte und wahrscheinlich setzte er dann Nico auf mich an … Was sollte ich tun?

Job annehmen oder ablehnen?

 

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