Blogroman: Poison

Blogroman – Poison – Kapitel 12

 

Jaden

Ich wartete einige Sekunden vor der Tür, schloss die Augen und rieb mir den Nacken. Ich hätte das nicht tun sollen, aber es ging nicht anders. Ihre Lust, die sie mir so offensichtlich gezeigt hatte und wie sie sich mir entgegen gedrückt hatte, während mein Messer an ihrer Kehle lag … all das hatte es mir unmöglich gemacht, sie nicht zu ficken.
Scheiße. Was hatte ich mir dabei gedacht?
Ich musste meinen Auftrag erledigen, denn hier ging es nicht nur um Geld. Es ging um mein eigenes Leben, das Mattia ganz sicher nicht viel wert war, wenn er mitbekam, dass ich die Zielperson genagelt hatte. Und was war das zwischen Vivienne und ihm? Wieso wollte er sie so unbedingt aus dem Weg schaffen und warum wollte sie ihn tot sehen?
Ich sollte mich raushalten, es hinter mich bringen und nach vorne schauen. Wie immer.
Seufzend lief ich aus dem Flur, bezahlte die Rechnung und ließ meinen Wagen holen. In der gesamten Zeit kam Vivienne mir nicht nach. Wahrscheinlich wollte sie sichergehen, dass ich auch ganz bestimmt weg war. Wieso störte mich das so?
Ich steckte dem Pagen ein Trinkgeld zu, nahm auf dem Fahrersitz platz und fuhr vom Parkplatz.
Wie sollte ich das nun anstellen? Es interessierte mich viel zu sehr, was Vivienne dazu zu sagen hatte. Hatte sie selbst nur einen Auftrag, den sie erledigen sollte? Oder steckte doch mehr dahinter?
Kurzerhand wendete ich, nahm dafür einige hupende Autos hinter mir in Kauf, und fuhr zurück. Als ich erneut auf den Parkplatz einbog, sah der Page aufmerksam nach mir, aber ich winkte nur ab.
Da war sie. Durch die großen Glasscheiben konnte ich sehen, wie sie den Laden verließ. Umgehend zuckten meine Hände und ich spürte immer noch ihre warme Haut unter meinen Fingerkuppen.
Hastig stieg ich aus und lief auf sie zu. Noch bevor sie begriff, was ich vorhatte, umfasste ich ihren Oberarm und zog sie mit mir.
»Was soll der Scheiß?«, zischte sie, aber ich ließ mich nicht beeindrucken.
»Du kommst mit«, sagte ich gelassen und sie versuchte stehenzubleiben.
»Klar, damit du mich gleich in irgendeinem Loch verbuddeln kannst, nachdem du deinen Auftrag erledigt hast!«
Ich zog sie bestimmt auf die Beifahrerseite und drückte sie mit dem Rücken gegen den Lack meines Wagens. Augenblicklich wanderten ihre Augen auf meine Lippen und wir standen so nah voreinander, dass mein schneller Atem sich mit ihrem vermischte.
»Du musst mir einige Fragen beantworten«, sagte ich leise und ihre Augen flackerten zurück zu meinen.
»Ach, du bist einer von der Sorte! Willst du dein Gewissen wenigstens ein bisschen erleichtern, indem du sichergehst, wie sehr ich den Tod verdient habe? Oh ja, das habe ich wirklich!« Sie runzelte die Stirn und ich fuhr mit meinem Finger darüber. Umgehend wurde ihr Ausdruck weicher.
Ich schüttelte den Kopf und ließ von ihr ab. »Ich habe kein Gewissen.«
Schnell trat ich einen Schritt zurück, um ihrer Nähe etwas zu entgehen. Ich war mir immer noch nicht sicher, was ich tatsächlich mit ihr anfangen sollte.
»Einsteigen«, knurrte ich und sie seufzte.
»Auch wenn es irgendwie schräg ist, aber an meinem eigenen Leben hänge ich. Vergiss es«, keifte sie. Ich umfasste grob ihr Kinn und drückte mich erneut an sie. Ein Keuchen kam aus ihren Lippen, als sie spürte, wie hart sie mich schon wieder machte.
»Wenn ich dich umbringen wollte, wärst du jetzt bereits tot. Ich lüge niemals. Wenn ich dir sage, dass ich dir Fragen stellen möchte, dann ist das so. Und jetzt einsteigen!«
Ruckartig ließ ich sie los und beobachtete wie sie tatsächlich einstieg. Ging doch.
Ich umrundete mein Auto, stieg ebenfalls ein und fuhr los. Auch wenn es mehr als riskant war, ich würde sie auf direktem Wege zu mir nach Hause bringen. Wenn wir irgendwo ungestört reden konnten, dann ganz sicher dort.
»Wielange machst du das schon?«, fragte ich und spürte, wie sie angespannt auf dem Sitz herumrutschte.
»Lange genug.«
»Präziser!«
Sie seufzte, aber anscheinend stand sie auf Anweisungen, denn sie antwortete. »Meinen ersten Auftrag hatte ich mit achtzehn.«
Es herrschte kurze Stille. »Und du?«, fragte sie.
»Neunzehn.«
»Warum?«
»Weil es mir egal war. Ich sagte doch schon, ich habe kein Gewissen.«
Ich spürte ihren Blick brennend auf meinem Gesicht und umfasste das Lenkrad fester.
»Du hast gesagt, du lügst niemals«, sagte sie leise und ich nickte. Sie hatte recht, aber gelogen hatte ich tatsächlich nicht.
»Weil er meine Schwester vergewaltigen wollte …« Ich schluckte hart bei der Erinnerung daran. An jene Nacht, die unsere Familie zerstört hatte. Doch das war nur ein Trugschluss, denn kaputt war sie schon viel früher.
»Und dann hast du einfach weitergemacht«, sagte sie und ich antwortete nicht. Ein merkwürdiges Gefühl erfüllte meine Brust, denn ich hatte seit dem Vorfall mit niemandem darüber gesprochen. Noch nicht mal mit meiner Mutter oder meiner Schwester, denn gerade sie wollten alle Erinnerungen an diesen Menschen aus ihrem Gedächtnis verbannen. Es war besser so. Aber Vivienne sagte es so, als würde sie verstehen, was mit mir verkehrt war, weshalb es mich nicht gekratzt hatte in dieser Nacht. Denn sie war genauso kaputt, warum auch immer.
Ich räusperte mich und parkte vor meiner Wohnung. Nachdem ich ausgestiegen war, umrundete ich mein Auto und half ihr hinaus. Ihre Hand fest in meiner führte ich sie zu der Eingangstür. Selbst im Aufzug ließ ich sie nicht los und aus einem unerfindlichen Grund krallten sich ihre Finger genauso eisern in meine. Erst als ich meine Tür aufschließen musste, löste ich mich von ihr und schob sie mit der Hand an ihrem unteren Rücken in meine Wohnung.
»Du wirst anscheinend nicht schlecht bezahlt …«, sagte sie und sah sich in meinem Wohnzimmer um. Durch die hohen Glasfronten hatte ich einen direkten Blick auf meine Dachterrasse sowie die Lichter der Hochhäuser.
»Möchtest du etwas trinken?«, fragte ich und ging hinüber zu meiner Bar. Der dunkelbraune Holzboden klackerte unter ihren Absätzen, als sie Richtung Fenster ging.
»Scotch, ohne Eis«, antwortete sie und ich zog anerkennend die Augenbraue nach oben. Ich schenkte uns zwei Gläser ein und ging zu ihr. Sie nahm mir eines ab. Während sie daran nippte, sah sie mich über den Glasrand immer noch etwas misstrauisch an.
»Wieso erledigst du deinen Auftrag nicht?«, fragte sie und ich zuckte mit den Schultern.
»Ich habe dir schon gesagt, dass ich einige Fragen habe.« Ich deutete auf meine Sitzecke und wir gingen hinüber.
Zwischen meinen Fingern drehte ich das Glas und stützte meine Ellenbogen auf den Oberschenkeln ab.
»Wieso Mattia?«, fragte ich.
Sie begann an der Innenseite ihrer Wange zu kauen und runzelte erneut die Stirn. Ich mochte es nicht, wie verbissen sie damit aussah und wie oft sie diese Angewohnheit schon gezeigt hatte.
»Weil er es verdient hat.«
»Das steht wohl außer Frage … aber es haben viele Menschen verdient.«
»Die kriege ich auch noch …«, sagte sie rau und senkte den Kopf. Ich stellte mein Glas auf den kleinen Glastisch und setzte mich zu ihr. Mein Finger strich leicht über ihre Wange und mein Blick verfolgte ihn über ihre glatte Haut. Sie schloss die Augen und drückte sich mir ein wenig entgegen. Ich musste sie einfach küssen.
Als meine Lippen ihre zart berührten, schreckte sie zuerst zurück, danach bewegte sich ihr weicher Mund tastend auf meinem. Langsam strich ich mit der Zunge zwischen ihren Lippen entlang und drang ein. Sie stöhnte und krallte sich in meinen Oberschenkel. Schweratmend löste ich mich von ihr und legte meine Stirn an ihre.
»Weil der Schweinehund meine Eltern auf dem Gewissen hat«, flüsterte sie und ich spürte ihren Atem auf meinem Gesicht. Das war es also. Und ich konnte es verstehen, denn ich hatte meine Familie ebenso vor dem Bösen beschützt, auch wenn es nicht leicht war. Weil das Böse in dem Fall ein Teil von uns gewesen war.
Sie zuckte zusammen, als es klingelte und ich sah sie beunruhigt an.
»Warte hier«, sagte ich und sie nickte. Als ich die Tür erreicht hatte, sah ich auf das kleine Kameradisplay, das den Eingangsbereich zeigte. Shit.
Ich nahm die Sprechanlage ab und atmete einmal tief ein.
»Hey, Hit! Bock auf ein Bier?« Nico hielt ein Sixpack in die Kamera und wedelte damit herum.
»Heute nicht, können wir das auf morgen verschieben?«
Kurz runzelte er die Stirn, sah dann direkt in die Linse und schüttelte mit dem Kopf.
»Ich glaube nicht.« Seine Miene wurde eisern und ich kannte den Ausdruck nur zu gut. Er wusste es. Woher war mir noch nicht klar, aber das war auch erstmal zweitrangig. Wahrscheinlich hatte er mich beschattet.
»Wir müssen das nicht so enden lassen, Kumpel«, sagte ich und sein bedauernder Blick traf mich tief. Anscheinend doch.
Langsam griff er zur Kamera. Ich sah nur noch seine große Pranke und dann schwarzes Rauschen.
Okay, mit einem gewissen Risiko hatte ich gerechnet, wenn ich Vivienne zu mir nahm. Aber dass Mattia wirklich Nico auf mich angesetzt hatte, war unfassbar. Vielleicht weil Nico uns zusammen gesehen und bemerkt hatte, dass ich in diesem Fall Probleme entwickelte, meinen Job auszuführen. Aber ich hatte mich entschieden und es gäbe nichts, dass mich umstimmen könnte.
Doch welchen Fluchtweg sollte ich wählen?
Die Treppe oder den Lift?

 

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