Blogroman - Beautiful Sin

Blogroman – Beautiful Sin – Kapitel 6

Kapitel 6

Brant

Irgendwas löste sie in mir aus. Vor allem jetzt, wo sie mir gegenüber in meiner Küche saß und genüsslich die Pizza aß, die ich bestellt hatte. Ihr Gesichtsausdruck, als sie den Belag gesehen hatte, war mir nicht entgangen, doch was dachte sie? Dass ich sie wahllos mitgenommen hatte? Es hatte einen Grund, weshalb sie hier war und den würde sie noch früh genug erfahren. Natürlich musste ich vorab Recherchen zu ihr anstellen, herausfinden, wer sie war, was sie mochte und wie ihr Tagesablauf aussah. Es hatte mir nicht gepasst, dabei zu sehen, dass ihr Tag nach dem fast immer gleichen Rhythmus aufgebaut war, denn ich hatte gehofft, meinem Ziel allein mit ihrer Beobachtung viel näher zu kommen.
Aufstehen um zehn.
Eine Stunde Training im Fitnessstudio einige Blocks ihrer Vierzimmerwohnung in Chicago West Town entfernt.
Zweimal in der Woche Mittagessen mit einer Freundin bei einem Italiener, bei der sie sich mindestens eine Gemüsepizza geleistet hatte.
Ihre Abende verbrachte sie meistens im Black Pearl und tanzte.
Es klang wirklich unspektakulär, aber irgendwas musste mir dazwischen entgangen sein. Denn nur, weil sie nach außen hin unschuldig wirkte, hieß das noch lange nicht, dass sie es auch war.
»Was ich von dir will?«, fragte ich und sie nickte. »Ich will dich kennenlernen.« Sie lachte einmal kurz auf, aber meine Aussage war noch nicht mal gelogen. Ich kannte sie mittlerweile so gut, dass ich wusste, dass ich behutsam vorgehen musste, damit sie sich nicht verschloss. Auch wenn das nicht gerade meine Stärke war. Mein Vater und Bruder waren feinfühliger gewesen als ich, aber das hatte ihnen auch nicht viel genutzt. Ich war der Typ fürs Grobe und fürs Geschäft. Mit Geld umgehen konnte ich schon immer gut, außerdem hatte ich ein Händchen dafür, Dinge aus Menschen herauszubekommen, die sie eigentlich nicht erzählen wollten. Außer aus meiner Prinzessin hier. Aus dieser wurde ich einfach nicht schlau.
»Ich meine das ernst, Adri.«
»Nenn mich nicht so!«, fauchte sie und sah auf einmal verletzt aus.
Ich hob beschwichtigend die Hände. »Okay, Prinzessin. Besser?«
»Nicht unbedingt«, murmelte sie und aß ihre Pizza weiter. Ich hatte immer noch kein Stück angerührt, denn eigentlich hatte ich Hunger auf etwas ganz anderes als Essen, wenn ich sie weiter so betrachtete.
»Du hast wirklich keinen Schimmer, weshalb du hier bist?«
»Hätte ich sonst hundertmal gefragt?«
Wenn sie vortäuschte, unsere Familie nicht zu kennen, machte sie es wirklich gut. »Sagt dir der Name Slater etwas?«
Sie überlegte kurz, dann schüttelte sie den Kopf. »Sollte er?«
»Wenn du klug bist, nicht …«
»Jetzt mal ehrlich …« Sie senkte die Hände und wischte sie sich an einer Serviette, die auf dem Tisch lag, ab. »Wenn ich dir nützlich sein soll, dann musst du mir schon ein paar mehr Hinweise geben! Ich würde dem ganzen Spuk hier ebenfalls gerne ein Ende bereiten und einfach nach Hause gehen, aber dazu muss ich wissen, was du von mir willst, verdammt!«
Ich lehnte mich ein Stück vor und sah sie eindringlich an. »Wo sind deine Eltern?«
Sie hielt den Atem an und sah mich geschockt an. »Woher weißt du von meinen Eltern? Wer bist du?«, flüsterte sie.
»Wo sind sie?«
»Ich weiß es nicht. Ehrlich.« Sie sah tatsächlich richtig betroffen aus. Sollte ich ihr diese Show abnehmen oder lag hinter all dem doch ein abgekartetes Spiel?
»Hat dein Vater vor seinem Verschwinden von einem bestimmten Deal gesprochen?«
»Ein Deal? Jetzt mal ehrlich, du sprichst in Rätseln! Mein Vater war ein Broker an der Börse, er hat mir nie von seinen Geschäften erzählt und es hat mich auch überhaupt nicht interessiert!«
»Broker?« Ich zog ungläubig die Augenbraue hoch. So langsam reichte es mir. Sie verarschte mich doch.
Der Stuhl machte ein schabendes Geräusch, als ich aufstand und währenddessen die Ärmel meines schwarzen Hemdes nach oben schob. »Ich war jetzt lange genug freundlich und geduldig und meine Geduld ist nicht unbegrenzt. Meine Nachsichtigkeit mit dir hat jetzt ein Ende.« Sie wurde blass, als sie meine Worte verstand und rutschte ein Stück nach hinten. In ruhiger Gelassenheit stellte ich die Kartons und die Kerzen auf die Küchenablage hinter mir und baute mich vor ihr auf. Ihr rosiger Mund war einen Spaltbreit geöffnet und ihre Augen sahen mich angstvoll an. Dieser Ausdruck turnte mich fast noch mehr an als irgendetwas anderes.
Zart strich ich ihr mit dem Zeigefinger eine blonde Haarsträhne hinter das Ohr. Das, was jetzt kam, würde mir bei ihr besonders schwerfallen. So schwer wie noch nie zuvor.

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