Blogroman - Beautiful Sin

Blogroman – Beautiful Sin – Kapitel 22

Kapitel 22

 

Brant

 

Scheiße. Es war mir klar, dass wir so einfach nicht davonkommen würden. Aber andererseits machte mich die Situation stutzig. Jemand, der uns wirklich überwältigen wollte, würde garantiert nicht hämmernd und klingelnd hier vor der Tür stehen.
Adrijana sagte, es gäbe Kameras. Also suchte ich im Flur nach dem Terminal, das mir unseren unerwarteten Besucher anzeigte und erstarrte.
»Süße, mach auf! Ich weiß, dass ihr hier seid!«
Mit einem Knurren zog ich langsam die Tür auf und zielte mit meiner Waffe geradewegs auf die Stirn dieses hohlen Securitypenners.
»Was hast du nicht verstanden, als ich sagte, wir brauchen deine Hilfe nicht?«
Der Typ bedachte meinen halb nackten Aufzug mit einer erhobenen Augenbraue und schob sich nur unbeeindruckt an mir vorbei ins Innere der Wohnung. Eier hatte er, das musste man ihm lassen.
»Wo ist sie?«
»Was geht dich das an?«, fragte ich. Blitzschnell schob ich den Arm vor seinen Körper, als er ins Wohnzimmer stürmen wollte. »Vergiss es. Du wirst nicht einfach hier reinlaufen, als würde dir die verfickte Wohnung gehören.« Und vor allem vielleicht Adrijana noch halb nackt irgendwo vorfinden. Ha! Niemals!
Er hob langsam den Kopf und sah mich an. »Ich habe dich schon mal fertiggemacht, ich würde es wieder tun.«
Ich lachte spöttisch. »Freundchen, wenn ich wollte, würdest du schon blutend auf der Fußmatte liegen.«
Ein Räuspern zog unsere Aufmerksamkeit auf sich. Adrijana stand mit verschränkten Armen in der Tür zum Flur. Glücklicherweise trug sie eine Yogahose und ein weites Oberteil. Nicht daran zu denken, hätte dieser Penner sie halb nackt nur im Bademantel gesehen.
»Reed?«
»Süße, da bist du ja!« Ohne sich an meinem Arm zu stören, lief er los und auf sie zu. Die Wut in meinem Bauch wuchs an, als er sie an sich zog und sie fest umarmte. Eigentlich sollte ich keinen Grund haben, wegen so eines Waschlappens eifersüchtig zu sein. Ich war es trotzdem.
»Reed, was tust du hier?«, fragte sie und löste sich von ihm. Reeds Augen wanderten zwischen mir und Adrijana hin und her.
»Das Kamerasystem hat Bewegungen vor deiner Tür registriert und ich dachte …«
»Du spionierst uns nach? Hast du noch irgendwo hier in der Wohnung kleine Kameras versteckt, du Perverser? Vielleicht im Badezimmer?«, knurrte ich.
»Die Kameras sind von Adrijanas Dad. Ich habe sie nicht installiert, sondern nur den Zugriff auf das System, genauso wie in der Villa. Aber keine Sorge, wenn ich Adrijana beobachten wollte, bräuchte ich keine Kameras.«
»Du mieser …« Mit einem bedrohlichen Knurren wollte ich mich auf ihn stürzen, aber ein lautes »Stopp!« hielt mich davon ab.
»Nicht schon wieder!«, sagte Adrijana streng. »Ihr werdet euch nicht in meiner Wohnung die Köpfe einhauen! Setzt euch ins Wohnzimmer!«
Sie ging vor und deutete auf die Couch. Reed nahm an dem einen Rand Platz, ich am anderen. Daraufhin zog ich Adrijana auf meinen Schoß. Er sollte endlich sehen, dass sie zu mir gehörte und er keine Chance hatte!
»Ich glaube, es ist besser, wenn ich hierbleibe!«, sagte Reed und ich schüttelte den Kopf.
»Wieso?« Unverständlich, wie hartnäckig er sein konnte! Wie Fußpilz. Den konnte auch niemand gebrauchen.
»Ich bin hergekommen, weil ich mich selbst davon überzeugen musste, dass es dir gut geht«, sagte er an Adrijana gewandt. »Ich hab da Dinge gehört, die unbedingt eine Erklärung erfordern!« Damit galt seine Aufmerksamkeit mir. Doch es ging ihn einen Scheiß an, was hier vor sich ging. Er wusste wahrscheinlich überhaupt nichts und bluffte!
»Ich denke nicht, dass irgendjemand dir etwas schuldig ist. Geh zurück nach Hause, mach dir von mir aus ein Bier auf und lass uns in Ruhe. Das ist das Einzige, was du tun kannst.«
Er schnaubte. Ich spürte Adrijanas Blicke auf meinem Profil und sie rutschte unruhig auf meinem Schoß hin und her. »Vielleicht sollten …«
»Was?«, fragte ich sie. Das konnte nicht ihr Ernst sein! Ihn mit hineinziehen? Niemals!
»Du sagtest doch selbst, dass du dich morgen mit jemandem treffen musst. Vielleicht könnte Reed so lange …«
»Ha! Vergiss es!« Das Leben meines Mädchens in den Händen von diesem Waschlappen? Ich wiederholte mich … Niemals!
»Du lässt sie alleine?« Reeds anklagender Ton brachte mich erneut auf die Palme.
»Großer Gott«, murmelte ich. Wenn ich mich wirklich darauf einließ, hieß das, wir mussten diesen Penner einweihen. Und konnte ich ihm vertrauen? Nachdem er bereits im Haus von Adrijanas Eltern versagt hatte?
Verdammt … musste ich mir zum ersten Mal eingestehen und Hilfe von außen annehmen?
Ich konnte die Entscheidung nicht treffen! Nicht jetzt!
Ich umfasste Adrijanas Hüften und zog sie mit mir hoch.
»Von mir aus, schlaf auf der Couch oder auf dem Boden, mir völlig egal. Kein Fuß in das Schlafzimmer. Wir sprechen morgen.«
Reed nahm mein Entgegenkommen anscheinend wahr, denn er nickte knapp und hielt ansonsten glücklicherweise seine vorlaute Klappe.

***

Schon von Weitem erkannte ich den Rauch, der kringelnd in die Luft stieg und sozusagen mein Erkennungszeichen bildete. Ich lenkte meinen Wagen auf den Hinterhof meines Clubs Magic City, der uns genügend vor fremden Blicken von der Straße aus abschirmte. Als ich neben dem dunkelgrünen Chevy Truck geparkt hatte, stieg ich aus und Doug schnippte seine Kippe hinter sich.
»Brant. Schön, zu sehen, dass es dir gut geht.«
Ich kam vor ihm zum Stehen und wir gaben uns einen kräftigen Handschlag. Doug war ungefähr im Alter meines Vaters und, seit ich denken konnte, unsere Augen und Ohren draußen auf den Straßen gewesen. Er hatte so viel unserer Familiengeschichte mitbekommen. Wahrscheinlich fast mehr als unser eigener Dad, weil er immer schon auf meinen Bruder und mich ganz besonders aufgepasst hatte. Doug war wohl der einzige Mensch, dem ich mein Leben anvertraute.
Ein kalter Wind kroch mir in den Nacken. Es hatte heute Nacht geregnet, und ich jeden einzelnen Tropfen davon gehört, der zu Boden gefallen war, weil ich kein Auge zumachen konnte. Während Adrijana in meinem Arm lag und glücklicherweise etwas Schlaf nachholte, waren meine Sinne geschärft. Nicht nur wegen der zahlreichen Gedanken an meinen Bruder, sondern vor allem wegen Reed im Nebenzimmer.
Ich traute ihm weiterhin kein Stück über den Weg, aber Adrijana tat das wohl. Sonst hätte sie mir nicht immer und immer wieder versichert, dass sie sich sicherer fühlte, wenn sie nicht ganz alleine auf mich warten musste. Mir gefiel der Gedanke wenig bis gar nicht, aber was blieb mir anderes übrig? Nachdem mein Bruder ins Spiel gekommen war und ich gestern die Information erhalten hatte, dass immer mehr meiner Männer verschwanden, stellte sich die Frage, wem ich überhaupt noch trauen konnte. Vielleicht war ein Außenstehender gar nicht so übel. Zumindest hatte Reed das, was ich ihm erzählt hatte – und das war weiß Gott nicht alles – ganz annehmbar verkraftet. Ich sah den Kampfgeist in seinen Augen und trotz, dass ich ihn immer noch für einen überheblichen Penner hielt, der mein Mädchen anmachen wollte, honorierte ich diesen Charakterzug. Denn er hatte mir selbst oft genug den Arsch gerettet.
»Hallo, Doug. Gibt es was Neues zu unseren Männern?«
»Nur das, was ich dir gestern am Telefon sagen konnte. Leider sind weitere zehn spurlos verschwunden.«
In Gedanken strich ich mir über den Bart. Das gesamte Konstrukt brach auseinander und ich konnte rein gar nichts dagegen ausrichten. Wenn er es nicht schon längst wusste, musste ich Doug einweihen. Ansonsten hätte ich bald niemanden mehr da draußen, der mit mir zusammenarbeitete. Aber zuerst musste ich etwas anderes erfahren.
»Aber das war es nicht, was du persönlich mit mir besprechen wolltest, oder?«
Doug schüttelte verneinend den Kopf und steckte sich eine neue Kippe an. Das Geräusch seines Zippos gab ein lautes Klacken von sich. Ich konnte mich noch genau an den Tag erinnern, an dem mein Vater ihm dieses geschenkt hatte.
Er zog an der Zigarette und blies den Rauch in die Luft. Ich wartete ab, denn ich kannte Doug gut genug, um zu wissen, dass er Hektik hasste. »Junge, mir fällt es nicht leicht, dir das zu sagen …« Er sah zu Boden, bevor er meinen Blick erneut erwiderte. Ich konnte ihm genau ansehen, dass er es wusste. »Ich bin lange genug im Geschäft, dass ich weiß, was für ein Glück ich habe, heute noch lebend vor dir zu stehen. Und ich will mein Glück bei Gott nicht überstrapazieren. Es wird Zeit für mich, abzutreten.«
»Was bedeutet das?« Er ließ mich nun auch noch im Stich?
Fast beschämt fuhr er über seine lichten, blonden Haare. »Ich möchte noch, dass du weißt, dass ich mich für keine Fraktion entscheiden werde.«
»Du willst dich aus der Schusslinie begeben? Und weißt es, oder?«
Er nickte. »Seit einer ganzen Weile. Glaub mir, wenn ich dir sage, dass er dich als Letztes da mit hineinziehen will.«
Ich lachte spöttisch. »Ach ja? Und deswegen hat er seinen Tod vorgetäuscht, und anscheinend unseren Vater auf dem Gewissen? Deswegen entführt er die Barreras und reißt die Gebiete an sich?« Ich wurde immer wütender. »Ja, klar! Er will mich da nicht mit hineinziehen! Schon verstanden!« Doug seufzte und rauchte den letzten Rest seiner Zigarette auf. Beklommen trat er von einem Bein auf das andere. »Und was ist dann sein Ziel?«
»Denkst du, für ihn war es einfach, eure Mutter zu verlieren?«
»Das soll der verdammte Grund sein? Buhu, ich heul gleich los! Das ist fünfzehn Jahre her!«
»Und tut immer noch genauso weh.« Doug trat einen Schritt auf mich zu und legte mir väterlich die Hand auf die Schulter.
»Das ist immer noch kein Grund, seine restliche Familie zu hintergehen«, erwiderte ich leise. Meine Stimme bebte vor unterdrücktem Zorn, aber ich konnte es nicht mehr verstecken.
»Vielleicht ist es nicht der richtige Weg, mit allem umzugehen. Nathan war immer der ruhigere von euch, aber nur, weil man jemandem Wut und Schmerz nicht anmerkt, heißt es nicht, dass es die Person nicht innerlich zerfrisst.«
Doug kramte in der Innentasche seines Mantels und steckte mir einen Zettel entgegen. »Ich möchte genauso wie du, dass das alles endet. Auf diese Art bringt es nichts, aber ihr seid beide Menschen, die nicht immer mit ihrem Verstand denken. Lasst euch nicht zu sehr von euren Emotionen leiten.« Stirnrunzelnd nahm ich die Notiz entgegen und Doug nickte mir zu. »Schafft es aus der Welt, findet eine Lösung.«
Ohne ein weiteres seiner kryptischen Worte lief Doug zu seinem Wagen und stieg ein. Als das dumpfe Motorgrollen ertönte und er auf die Straße rollte, stand ich immer noch wie erstarrt auf dem Parkplatz und fixierte seine Rücklichter. Endlich konnte ich mich lösen und sah auf das raue Stück Papier in meinen Händen.
Es standen nur wenige Worte darauf:

Wasseraufbereitungsanlage, gegenüber Navy Pier
Morgen, 22:00 p.m.
Wenn du sie lebend wiedersehen möchtest.

Zum ersten Mal in meinem gesamten Leben empfand ich so etwas wie Angst. Rasende, alles verschlingende Angst, die meine Sinne benebelte und meinen Körper lähmte. Diese Worte konnten nur eines bedeuten.
Er hat sie.

 

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