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Blogroman – Beautiful Sin – Kapitel 21

Kapitel 21

 

Adrijana

Mit Brant hier zu stehen und von ihm nur gehalten zu werden, fühlte sich viel zu gut an. Ich hatte es, ehrlich gesagt, vermisst, jemanden zu haben, dem ich mich anvertrauen konnte. Mit meiner Mum hatte ich mich immer schon gut verstanden und als sie mit meinem Dad verschwand, klaffte ein riesiges Loch in meinem Herzen, das sich einfach nicht mehr schloss. Aber wie auch? Wenn sie noch irgendwo lebten! Aber nun, da Brant hier bei mir war, hatte ich das Gefühl, er könnte zumindest einen Teil dieses Loches stopfen, wenn auch nicht alles. Ich fühlte mich auf jeden Fall nicht mehr so einsam wie zuvor. Auch wenn es an Brants Seite noch gefährlicher war, zu leben.
Es musste doch eine Möglichkeit geben, aus diesem Albtraum aufzuwachen und eine Lösung zu finden? Ohne Gewalt, Waffen, Erpressungen und Entführungen! Verdammt, mein Vater hatte wahrscheinlich wirklich einen guten Grund gehabt, mich aus all dem herauszuhalten. Doch so langsam gewöhnte ich mich sogar ein wenig an die Umstände, die sich sowieso nicht mehr abschütteln ließen.
»Wir finden sie, okay?«, wisperte Brant und legte das Kinn auf meinem Kopf ab. Ich schlang die Arme noch fester um ihn und nickte. »Du brauchst keine Angst zu haben, ich bin da.«
»Und wenn ich genau davor Angst habe?«, flüsterte ich. »Wenn dir genauso etwas zustößt? Es wird niemals enden.«
»Doch, das wird es.« Ich löste mich von ihm und sah ihn an. Er klang so überzeugt. Wie konnte er das?
»Nein, wird es nicht! Wir sind das, was wir sind und es wird immer jemanden geben, der das haben möchte, was wir besitzen. Auch wenn wir es überhaupt nicht wollen!«
Brant fuhr sich durch den Bart und sah mich gequält an. Er wusste, ich hatte recht. Er hatte doch selbst zugegeben, das Geschäft seiner Familie anfänglich gewollt zu haben.
»Dann erledigen wir diese Menschen.«
»Du kannst nicht einfach alle umbringen! Wie stellst du dir so ein Leben vor?«
»Deine Eltern waren doch anscheinend auch glücklich!«
»Ja, man sieht, wohin es sie geführt hat!« Ich wurde lauter und ging einen Schritt zurück. Verstand er es nicht oder wollte er es nicht verstehen? So einfach war diese ganze Geschichte nicht!
»Prinzessin …« Er kam auf mich zu, aber ich wich ihm aus, bis er stehen blieb. »Für mich ist die Situation doch auch neu. Ich musste immer nur auf mich selbst aufpassen, aber jetzt … verdammt! Ich bin scheiße in so was. Vielleicht wäre es wirklich sicherer, wenn du …«
»Was?«
»Wenn du untertauchst und ich mich alleine um die Sache kümmere.« Seine Miene wurde härter und ich sah die Entschlossenheit darin.
»Vergiss es! Ich hab dir schon einmal gesagt, dass es um meine Eltern geht und ich da mit drin hänge. Wir haben das heute Abend zusammen überstanden, also werden wir auch alles andere überstehen. Wie war das? Wenn wir aus der Sache rauskommen, sind wir stärker. Zusammen? War das nur hohles Gequatsche?« Meine Stimme zitterte. Auch wenn es vielleicht einfacher gewesen wäre, mich tatsächlich rauszuhalten, konnte ich den Gedanken nicht ertragen, Brant alleine ans Messer zu liefern. Ich hatte einen Entschluss gefasst und jeder, der mich kannte, wusste, wenn ich dies getan hatte, würde ich ihn durchziehen. Basta!
Ohne auf seine Antwort zu warten, drehte ich mich um und ließ ihn stehen. Ich durchquerte mein Wohnzimmer und suchte mir im Schlafzimmer frische Unterwäsche, eine Jeans und ein Shirt heraus. Als ich das unpraktische Kleid ausgezogen hatte, warf ich mir meinen Bademantel über, der hinter der Tür hing. Eine heiße Dusche würde mich für den Moment ein wenig beruhigen. Als der weinrote Stoff auf den Laken meines Bettes lag, war ich fast sogar so etwas wie wehmütig. Hätten Brant und ich uns nicht in einer harmlosen Situation kennenlernen können? Mit Eltern, die in einem anderen Geschäft tätig waren als unsere? Vielleicht hätte ich Brant beim Ausgehen mit Freunden getroffen. Die ich jetzt wohl auch nie wieder sehen konnte, um sie nicht mit hineinzuziehen. Ich dachte an meine Freundin Becky, die ich bei einem Job im letzten Jahr kennengelernt hatte. Wenn ich recht darüber nachdachte, lag es mir tatsächlich nicht besonders, mich unterzuordnen. Egal, wo. In der Schule gab es Probleme mit den Lehrern, die mir sagen wollten, was ich zu tun hatte. In den zahlreichen Gelegenheitsjobs hatten die Chefs ein Problem mit meiner Art.
Egal, wo ich war, ich schaffte es nicht, mich dauerhaft einzugliedern wie alle anderen. Was war verkehrt mit mir? Färbte das Gen unserer kriminellen Familie schon so auf mich ab? Vielleicht hatte Brant recht und es könnte funktionieren. Und wenn nicht …
Als ich im Wohnzimmer ankam, stand Brant vor der Fensterfront und telefonierte. Ich verstand nur Bruchstücke, aber anscheinend versuchte er, herauszufinden, wer uns verfolgt haben könnte.
Ich ging weiter ins Badezimmer, hängte den Bademantel an einen Haken an der Wand und betrat die Dusche. Als das warme Wasser endlich auf mich niederprasselte, kreisten meine Gedanken immer noch in meinem Kopf.
Es war ausweglos. Es gab nichts, das wir tatsächlich tun konnten, um meine Eltern lebend zu finden.
Eine einzelne Träne stahl sich aus meinen Augen. Eine zweite folgte mit leisem Schluchzen. Immer größere Verzweiflung drückte mich nieder und ich stützte mich an den Fliesen ab. Nasses Haar hing mir ins Gesicht. Die Mascara vermischte sich mit den Tränen und brannte noch mehr in meinen Augen. Ich gab bestimmt ein fantastisches Bild ab, doch das war mir aktuell mehr als egal.
Mit der flachen Hand dämpfte ich meine Schluchzer, die meinen Körper immer wieder schüttelten. Meine Eltern. Ich würde sie sehr wahrscheinlich nie wieder sehen.
Als ich drohte, zu stürzen, und nicht mehr konnte, packten mich auf einmal starke Arme und zogen mich an sich. Ich spürte an meinem Rücken den nassen Stoff von Brants Kleidung, weil er anscheinend komplett angezogen unter die Dusche getreten war. Ich ließ es zu. Sackte in seine Umklammerung und krallte mich an seine Unterarme, die mich hielten.
Langsam sanken wir zu Boden und ich rutschte auf Brants Schoß, während er mich behutsam hin und her wog. Ich fühlte mich nur noch verletzlicher und kleiner in seinen Armen, aber auf eine gleiche Weise auch beschützt und nicht mehr einsam.
Keine Ahnung, wie lange ich so geweint hatte. Irgendwann begann mein Körper vor nasser Kälte, zu zittern, obwohl Brant immer noch eine wohlige Wärme ausstrahlte.
»Ich möchte dir vertrauen, wirklich. Aber ich habe immer noch ein komisches Gefühl«, wisperte ich mit dem Gesicht an seine Halsbeuge gedrückt. Er fuhr mit den Fingern mein Rückgrat nach und ich bekam eine Gänsehaut.
»Würde es dir helfen, wenn ich dir mehr über mich erzähle?« Ich nickte stumm und er seufzte schwer. »Mein Bruder und ich waren uns eigentlich immer ziemlich nahe und unserer Mum auch. Mein Vater war schon immer der strengere von den beiden, der uns nichts durchgehen ließ. Wir mussten uns in seinen Augen anpassen, eine andere Option gab es nicht. Unsere Mum war die, die uns heimlich auch Dinge erlaubt hat, die mein Vater für schlecht hielt. Wie das Zeichnen. Für meinen Vater war das etwas für Frauen oder Weicheier, aber mein Bruder und ich haben es gerne mit unserer Mum getan. Einfach, weil wir dann mit ihr zusammen waren.«
Brant lehnte sich ein Stück aus der Duschwanne und zog ein Handtuch von der Halterung an der Wand. Er umwickelte meinen zitternden Körper damit und presste mich noch fester an sich.
»Da haben unsere Mütter etwas gemeinsam. Meine Mum hat eine Galerie und sammelt alle möglichen Arten von Kunststücken«, erwiderte ich leise. »Erzähl mir mehr.«
Er zögerte und es fiel ihm definitiv nicht leicht, weiter darüber zu sprechen. »Als meine Mum nicht mehr bei uns war, wurde mein Dad nur umso kälter, obwohl er sie vorher auch nie gut behandelt hatte. Was sie an ihm gefunden hat, weiß ich bis heute nicht. Er hatte zig Geliebte nebenher. Aber ihr Tod traf ihn hart. Er stürzte sich kopfüber in die Arbeit und vergaß uns dabei völlig. Als wir in seinen Augen alt genug waren, ich war dreizehn, führte er uns in seine Welt ein. Wir wussten schon vorher, was er tat, aber dass es so …« Brant zögerte und ich krallte die Finger tiefer in sein nasses Hemd. »So schlimm war, konnten wir uns nicht im Mindesten vorstellen. Ich glaube, mein Bruder hat das alles nicht so gut verkraftet. Ich habe schon früh angefangen, es als etwas zu sehen, das getan werden musste und konnte meine Emotionen mit der Zeit immer besser ausblenden. Es gab da eine Situation …«
Er seufzte tief und drückte mich ein Stück von sich, sodass er mich ansehen konnte. »Du musst ins Bett. Morgen wird nicht einfacher.«
Ich schüttelte den Kopf. »Was für eine Situation?«
»Mein Bruder und ich hatten von unserem Dad den Auftrag, mit Callums Vater zu verhandeln. Es ging um einen richtig großen Deal zwischen den Gebieten und es war das erste Mal, dass er uns tatsächlich Verantwortung übertragen hatte. Mein Bruder Nathan war zu extrem an die Sache rangegangen. Er konnte zwar sonst ziemlich gut mit anderen Menschen, aber an dem Tag war irgendwas mit ihm los. Er war anders. Auf jeden Fall ist es ausgeartet. Es gab Schüsse, wer angefangen hatte, weiß ich nicht mehr. Callums Vater hat es erwischt und ich war mir nicht sicher, ob es eine meiner Kugeln war. Danach ist unser Vater ausgerastet, als er es erfahren hat. Er gab uns die Schuld, natürlich. Es war ja auch unsere. Aber Nathan nahm die Sache komplett auf sich. Mein Dad schickte mich raus und ich habe heute noch keine Ahnung, wie er Nathan für seine angeblichen Fehler hat büßen lassen. Aber das Schlimmste an der ganzen Sache war, ich hab nichts gemacht.« Brant fuhr sich über den Bart und wirkte verzweifelt. »Gar nichts. Ich meine, ich war genauso schuld. Ich hätte Nathan rausschicken sollen, damit er sich wieder einkriegt, aber es ist eskaliert. Einfach so und vor allem wahnsinnig schnell. Und als Nathan alles auf seine Kappe genommen hat, hab ich nichts gesagt. Ich hatte zu großen Respekt vor unserem Dad. Ich war ein Feigling und ich hab mir danach geschworen, nie wieder einer zu sein.«
»Selbst wenn du etwas gesagt hättest, dein Vater hätte dir nicht geglaubt oder euch beide bestraft. Es hätte nichts geändert.«
»Doch! Mein Bruder hätte nicht den Eindruck gehabt, dass ich ihn im Stich gelassen habe. Denn das habe ich.« Er seufzte und stand mit mir in den Armen auf. Ich wusste, egal, was ich sagte, die Diskussion war in seinen Augen beendet.
Mit einer Seelenruhe trocknete er mich ab und schlang den Bademantel um mich. Ohne ein Wort gingen wir gemeinsam in mein Schlafzimmer. Ich ignorierte den Anblick von Brants Waffe auf meinem Nachttisch und krabbelte schnell unter die Bettdecke. Von dort aus beobachtete ich, wie Brant seine feuchten Klamotten auszog und auf den Boden warf. Nur in engen, schwarzen Boxershorts, die tief auf seinen Hüften saßen, legte er sich zu mir und drückte sich hinter mich. Sein Körper wärmte mich umgehend.
»Wie sieht dein Plan jetzt aus?«, fragte ich.
»Ich muss mich morgen mit meinem Informanten treffen. Wir können nicht jedes Detail am Telefon besprechen. Aber ich kann dich definitiv nicht mitnehmen!«
»Dann bleibe ich hier. In meiner Wohnung bin ich sicher.«
»Prinzessin, du bist nirgendwo sicher. Ich kann dich nicht alleine hierlassen«, erwiderte er leise. Sein warmer Atem strich durch meinen Nacken.
»Was soll schon passieren? Hier sind überall Kameras installiert. Ich weiß immer, wer vor der Tür steht.«
»Die Kameras … Wo führen die hin?«
Im gleichen Moment, in dem Brant seine Frage gestellt hatte, hämmerte jemand laut gegen die Tür und drückte abwechselnd auf den Klingelknopf. Brant sprang auf, schnappte seine Waffe und bedeutete mir mit dem Zeigefinger vor den Lippen, leise zu sein. Mit einem Nicken verließ er das Zimmer. Und neue Angst durchflutete meinen Körper. Ich wusste doch, es würde niemals aufhören.

 

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