Blogroman - Beautiful Sin

Blogroman – Beautiful Sin – Kapitel 20

Kapitel 20

 

Brant

Ohne zu zögern, hatten wir Callums Villa verlassen. Ich wusste, dass ich einen direkten Fluchtweg brauchte und hatte mir von meinem Fahrer George einen unauffälligen Wagen vor das große Tor der Einfahrt stellen lassen. Ich hatte nicht gewusst, wie der Abend ausging, deshalb hielt ich es für besser, meinen Chauffeur nicht mit hineinzuziehen, vor allem, wenn wir flüchten mussten. Aber bis jetzt sah alles merkwürdig unauffällig aus.
An der Hand zog ich Adrijana hinter mir her, als wir auf das Auto zuliefen. Aufmerksam drehte ich mich immer wieder um, und es sah tatsächlich nicht so aus, als würden wir verfolgt werden. Das war aber nur eine Frage der Zeit, wenn einer von Callums Sicherheitsmännern ihn in seinem Zustand in dem Schlafzimmer fand. Scheiß drauf. Ich hatte gerade ganz andere Sorgen.
Mein Bruder? Verdammt. Hatte Callum mich angelogen, um seinen Arsch zu retten? Aber wieso sollte er sich dann solch eine haarsträubende Geschichte ausdenken? Er hätte jeden Typen in dieser Stadt vorschieben können, aber Nathan? Unfassbar … Wieso sollte er das tun und mich so hintergehen? Oder unseren Vater? All das machte überhaupt keinen Sinn. Wenn ich nur wüsste, wo er sich befand, könnte ich wenigstens mit ihm sprechen.
»Steig ein«, sagte ich knapp und hielt Adrijana die Autotür der Beifahrerseite auf, nachdem ich den Schlüssel vom Vorderreifen eingesammelt hatte. Sie reagierte sofort und als ich mich auf den Fahrersitz des schwarzen BMW M5 gesetzt hatte, spürte ich ihre Unsicherheit in Bezug auf diese gesamte Situation. Denn sie konnte sich bestimmt denken, wie ich innerlich brodelte. »Möchtest du darüber …«
»Nein!«, schnitt ich ihr das Wort ab und startete das Auto. Als ich anfuhr, herrschte eine erdrückende Stille im Innenraum. Ich musste zuerst meine Gedanken sortieren, obwohl auch ein Teil von mir ihr gerne alles erzählt hätte, nur um den Scheiß loszuwerden. »Später«, erwiderte ich sanfter und drückte kurz ihr Knie, ehe ich erneut mit beiden Händen das Lenkrad umgriff und das Gaspedal durchdrückte. Meine Augen flackerten immer wieder in den Rückspiegel, aber es wirkte so, als hätten wir freie Bahn. Das alles war fast zu einfach. Irgendwas fühlte sich faul an.
»Du hast dich perfekt geschlagen. Wir sind ein gutes Team«, sagte ich, um meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken, die immer wieder um meinen Bruder und seine Gründe kreisten.
Adrijana schnaubte kurz. »Ich bin mir nicht sicher, ob ich so etwas öfter haben muss. Jede Sekunde habe ich darüber nachgedacht, was passiert, wenn wir auffliegen, und hatte wirklich die Hosen voll!« Ich hörte ihr Grinsen und musste selbst ein wenig lächeln.
»Ich sagte doch, wir sind tausendmal besser als Bonnie und Clyde.«
»Ist das so? Siehst du uns so? Nachdem du mich quasi gezwungen hast, bei dir zu bleiben?«
Kurz löste ich meine Augen von der Straße und sah sie an. Sie erwiderte erwartungsvoll meinen Blick und ich wandte mich wieder der Fahrbahn zu. »Aber jetzt zwinge ich dich nicht mehr. Du bleibst freiwillig, weil ich ein extrem scharfer Typ bin, oder?«
»Ja klar!« Sie lachte und allein dieses Geräusch hätte ich bis an den Rest meines Lebens hören können. »Genau das ist es. Ich liebe den Rausch von Adrenalin durch die Angst, Mister Dark.«
»Das tust du, Prinzessin, da bin ich mir sicher.« Ich drückte das Gaspedal noch weiter durch und erreichte Geschwindigkeiten, die man normalerweise besser nicht in der Stadt erlangen sollte. Adrijana sog laut die Luft durch die Zähne und presste sich tiefer in den Sitz. Ich löste eine Hand vom Lenkrad und schob ihr Kleid nach oben, sodass ich die nackte Haut ihres Oberschenkels streicheln konnte. Ich musste mich ablenken, meine wirren Gedanken zur Seite drängen, damit ich nicht ausrastete. Denn eigentlich hätte ich in dem Moment, in dem ich von meinem Bruder erfahren hatte, irgendetwas kurz und klein schlagen können. Aber das war keine Lösung. Viel eher zog es mich zu meiner neuen Droge, die mir aktuell den Halt gab, der mir in meinem vorherigen Leben verwehrt gewesen war. Ich fühlte mich gut mit Adrijana. Lebendig. »Streite nicht ab, dass dich diese Situation anmacht«, raunte ich leise und strich mit den Fingern weiter zu ihrem weichen Innenschenkel. Sie unterdrückte ein Stöhnen, ich vernahm es ganz genau, als meine Hand den Saum ihres Höschens erreichte. »Du bist genau so ein Adrenalinjunkie wie ich. Deshalb …« Ich stockte, bevor mir fast ein falsches Wort herausgerutscht wäre und holte tief Luft. »Deshalb passen wir so gut zueinander, Prinzessin. Schließ die Augen.« Ich wagte es nicht, den Blick von der Straße zu lösen, aber ich wusste, ohne hinzusehen, dass Adrijana dem Befehl nachkam. Meine Finger wanderten immer weiter, während meine linke Hand das Lenkrad unter Kontrolle hielt und ich doch ein wenig die Geschwindigkeit drosselte. Kurz sah ich für einen Spurwechsel in den Rückspiegel. »Fuck!«, fluchte ich und löste mich ruckartig von Adrijanas Mitte, damit ich mit beiden Händen lenken konnte.
»Was ist?«, fragte sie beunruhigt.
»Das Auto hinter uns. Wir fahren zu schnell als dass es Zufall ist, es hinter uns kleben zu haben. Entweder es sind die Bullen, oder …«
»Oder? Verdammt, Brant, wer?«
»Halt dich fest!« Ich beschleunigte und verpasste die Ausfahrt, die direkt zu meiner Wohnung führte. Es war viel zu riskant, ihnen zu zeigen, wo ich derzeit wohnte. Vorher mussten wir sie unbedingt abschütteln!
Nun rauschte das Adrenalin durch meine eigenen Adern. Ich konzentrierte mich voll auf den Verkehr. Ein Glück war dieser um die Uhrzeit gering und ich fädelte mich durch Autos hindurch, um abrupt zwischen Gas und Bremse abzuwechseln. Doch der Wagen hinter uns war noch dichter aufgefahren. Es mussten Callums Leute sein, niemand sonst hatte gewusst, wer und vor allem wo wir waren. Oder war es … Nein, das konnte ich mir nicht vorstellen! Egal, was mein Bruder plante, er würde mich nicht in Gefahr bringen und vor allem, wieso jetzt? Er hätte so viele Möglichkeiten zuvor gehabt, mir aufzulauern! Wir waren immer noch aus demselben Blut und hatten uns am Sterbebett unserer Mutter geschworen, wenigstens für uns da zu sein. Das konnte er doch nicht einfach so wegwerfen!
Ich bog knapp ab. Die Reifen schlitterten und quietschten. Die Hochhäuser Chicagos flogen nur so an uns vorbei. Immer wieder wechselte ich die Spuren, fuhr in Seitenstraßen, um daraufhin erneut die Richtung zu wechseln. Einige Male hatte ich das Gefühl, sie verloren uns, nur um sie danach aufs Neue hinter uns zu sehen. Shit!
»Schaffst du es, einen Vorsprung zu haben, sodass wir in eine Tiefgarage fahren könnten?«, fragte Adrijana auf einmal.
»Ich bin mir nicht sicher, wieso?«
»Ich wohne hier wenige Straßen weiter. Wir könnten in meiner Wohnung Unterschlupf finden. Sie ist mit Außenkameras gut gesichert und niemand weiß, wo sie ist. Der Portier hat einen Zweitschlüssel und lässt uns garantiert rein.«
Ich nickte. Das könnte funktionieren. Ich manövrierte das Auto noch zügiger durch Gassen und Straßen, bis ich den Eindruck hatte, wirklich einen Abstand gewonnen zu haben. Doch selbst dann, riskierte ich alles und bog um eine Ecke nach der anderen. Adrijana tippte währenddessen ihren Wohnort in das Navi und ich folgte dem Weg, bis wir vor einer Tiefgarage stehen bleiben mussten. Nervös klingelte ich und schaute mich immer wieder um.
»Guten Abend, wie kann ich Ihnen helfen?«, ertönte eine kratzige, männliche Stimme aus dem Lautsprecher.
»Finn, ich bin es, Adrijana. Ich habe meinen Schlüssel vergessen. Würdest du uns aufmachen?«
»Adrijana! Ja, natürlich. Einen kleinen Moment.« Es dauerte nur eine Sekunde und das Gitter der Garage glitt nach oben. Nervös trommelte ich auf dem Lenkrad, bis wir uns durch die Lücke quetschen konnten und nach unten fuhren. Doch erst als wir das Geräusch des sich schließenden Gitters hörten, atmete ich auf und suchte eine freie Parklücke. War es das? Waren wir wirklich entkommen?
»Komm, wir sollten hier schleunigst abhauen«, sagte ich, kramte noch meine Ersatzwaffe aus dem Handschuhfach und stieg zügig aus. Adrijana tat es mir gleich und wir liefen zu einem Lift, der in das Erdgeschoss führte, während ich die Waffe vor fremden Blicken schützte und in meinen hinteren Hosenbund steckte. Wir fuhren ein Stockwerk nach oben. Dort angekommen, gingen wir auf einen älteren Herren in einer blauen Uniform zu, der hinter einem hohen Tresen saß.
»Guten Abend!« Er lächelte Adrijana freundlich an, aber bedachte mich mit misstrauischen Blicken. Konnte ich ihm, ehrlich gesagt, nicht verübeln und ich mochte den Gedanken, dass jemand ein Auge auf Adrijana warf. Es machte den alten Mann auf jeden Fall sympathisch, auch wenn er im Fall echter Gefahr nicht wirklich viel ausrichten konnte.
»Hallo, Finn! Es ist spät, wir wollten nicht mehr so weit fahren und meine Wohnung war näher. Deshalb habe ich den Schlüssel bei meinem Freund Connor liegen lassen, nachdem wir essen waren.« Adrijana bedachte mich mit einem Seitenblick und ich nickte brav. Wenn sie musste, konnte sie erstaunlich gut lügen … Aber es war schließlich nur eine kleine Notlüge.
»Guten Abend, Connor. Freut mich, Sie kennenzulernen.« Ich streckte Finn die Hand hin und er ergriff sie. Er hatte einen verblüffend festen Händedruck.
»Könnten wir vielleicht den Schlüssel haben?«, fragte Adrijana und ich hörte nun doch die Anspannung in ihrer Stimme.
»Ist doch kein Problem, dafür bin ich ja da!« Finn kramte in einer Schublade unter dem Tresen und zauberte einen Schlüssel mit einer Marke, auf der eine Nummer stand, hervor. Adrijana nahm den Bund entgegen.
»Danke sehr, Finn! Wir wünschen dir noch einen schönen Abend!«
»Danke, gleichfalls!« Wir durchquerten die Lobby und stiegen in den nächsten Lift, der uns auf direktem Wege in den fünften Stock brachte. Auch Adrijana wohnte nicht gerade in ärmlichen Verhältnissen, aber das hätte mich auch sehr gewundert. Als wir ihre Tür erreichten und eintraten, holte ich tief Luft. Wir hatten es geschafft. Wir waren entkommen.
Bevor Adrijana weiterlaufen konnte, zog ich sie am Handgelenk zu mir und sie schlang die Arme um meine Mitte. Beruhigend strich ich über ihren Rücken und sog ihren feinen Duft ein. Schon jetzt reagierte mein Körper darauf, nur kurz von ihr getrennt zu sein und ich konnte den Drang, sie zu halten, gerade einfach nicht unterdrücken. Die Angst, dass ihr etwas zustoßen konnte, wurde von Sekunde zu Sekunde größer. Ich kannte das Gefühl von Machtlosigkeit in Bezug auf das Schicksal einer anderen Person und hatte mir geschworen, es niemals mehr fühlen zu wollen. Bis Adrijana in mein Leben geplatzt war und ich mir eingestehen musste, es nicht mehr abschütteln zu können. Ich wollte sie. Dauerhaft. Jetzt galt es, jeden aus dem Weg zu räumen, der das unterbinden konnte.

 

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