Blogroman - Beautiful Sin

Blogroman – Beautiful Sin – Kapitel 15

Kapitel 15

 

Adrijana

Ich hielt die Luft an, als Brant die kleine Stahltür öffnete und wir uns beide vorbeugten, um hineinzuspähen. Fast enttäuscht blies ich die Luft aus der Lunge. Im Safe lagen nur einige Blätter Papier.
Brant nahm sie heraus und las die Zeilen darauf. »Was ist es?«, fragte ich und er hielt sie mir hin.
»Ich wusste, Callum hatte ihm den gleichen Deal vorgeschlagen«, murmelte Brant und seine Gesichtszüge verhärteten sich. Ein Deal?
Ich sah auf die Blätter. »Ein Vertrag?«
»Für die Stadt«, antwortete Brant mir. »Callum hat es auch bei mir versucht, aber ich hab ihn zum Teufel gejagt.«
»Mal ehrlich! Illegale Geschäfte und dann glaubt man einem Stück Papier?«
»Auch in unserer Welt gibt es Prinzipien und Regeln, Prinzessin. Normalerweise wurde dieser Kodex auch von allen eingehalten.« Brant zuckte mit den Schultern.
Ich blätterte eine Seite weiter, bis zu dem Feld, in dem zwei Unterschriften stehen sollten. Aber es war glücklicherweise nur eine darin zu sehen und die gehörte nicht meinem Dad.
»Mein Vater hat nicht unterschrieben«, bemerkte ich.
»Erfreulicherweise ist dein Dad ein schlauer Mann. Aber leider hat Callum anscheinend einen anderen Weg eingeschlagen, das zu bekommen, was er will.«
»Deshalb hat er sie entführt?«, flüsterte ich.
Brant ging einen Schritt auf mich zu und hob mein Kinn mit dem Zeigefinger an, sodass ich ihn ansehen musste. »Das war nicht sein erster Plan. Eigentlich wollte er dich. Er war sich sicher, dass deine Eltern einknicken würden, wenn dir etwas passiert. Aber er wird dich nicht bekommen.«
Ich schluckte die Angst herunter, die in mir hinaufkroch, wenn ich daran dachte, wie haarscharf ich an dem Ganzen vorbeigerutscht war. Wobei, eigentlich steckte ich bis zum Hals drin. »Dann kann ich sagen, dass es etwas Gutes war, dass ich bei dir gelandet bin«, sagte ich und versuchte, Leichtigkeit in meine Stimme zu bekommen. Doch es klappte nicht. Das alles lastete schwer auf meinen Schultern.
»Das wird sich zeigen«, raunte Brant und ließ mich los. Ich war nicht in Sicherheit. Auch wenn ich zwischenzeitlich daran glaubte, dass Brant mich beschützen würde. Aber vielleicht war er noch viel schlimmer als alle anderen … Wer wusste, ob er mir die volle Wahrheit sagte?
Brant zog sein Handy aus der Tasche und lief einige Schritte im Zimmer auf und ab, während ich den Vertrag zusammenfaltete und in meine Gesäßtasche steckte.
»Doug? Ist Callum wieder aufgetaucht?«, blaffte er in den Hörer. Ich lehnte mich mit dem Rücken gegen das Regal und beobachtete seinen breiten Körper, der ruhelos weiterlief. Die Muskeln unter dem dunklen Hemd waren zum Zerreißen gespannt und auch seine Gesichtszüge waren verhärtet. Ging es hier tatsächlich um unsere Leben und Brant hatte so etwas wie Angst darum? Auch wenn ich mir kaum vorstellen konnte, dass ein Mann wie er vor irgendetwas Angst hatte. Schon gar nicht, wenn es mit mir zu tun hatte. Denn was hatten wir schon gemeinsam? Wieso machte er das alles überhaupt und half mir? Könnte er Callum nicht einfach umlegen und die Sache wäre erledigt?
»Okay. Ich wusste dieser Penner würde sich das nicht entgehen lassen! Besorg mir Zutritt, zweimal und setz meinen Decknamen auf die Gästeliste.« Er sah mich auf einmal an und mein Herz begann, einige Male kräftiger zu schlagen. Seine dunklen Augen musterten mich und sofort zitterte alles in mir. »Den zweiten Namen?« Er zögerte. »Chloe Stokes. Ach und hast du etwas von Becks und Miller gehört?« Er lauschte und sein Kiefer begann zu mahlen. »Übergelaufen? Bist du dir sicher?« Brant hörte noch einen kurzen Moment zu, daraufhin legte er auf und steckte das Telefon zurück in seine Tasche. »Komm, wir können heute nichts mehr hier ausrichten.« Er streckte mir die Hand hin und ich zögerte wie ferngesteuert keinen Moment, stieß mich vom Regal ab und lief ihm entgegen. Aktuell konnte ich sowieso nichts anderes tun und musste mit ihm gehen.
Wir verließen das Haus meiner Eltern und fuhren zurück in seine Wohnung. Dort angekommen, blieb ich zögernd im Flur stehen. Sperrte er mich nun wieder ein?
»Du hattest deine Chance, abzuhauen, wenn du gewollt hättest. Aber du bist geblieben«, sagte er und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. »Die Tür ist offen.«
Damit lief er an mir vorbei den Flur entlang und verschwand in einem Zimmer am Ende. Es war mir klar, dass er mich nur testen wollte.
Seufzend ging ich ihm hinterher und stellte mich an den Türrahmen. Er wusste, dass ich keine Optionen hatte. Brant zog sich das Hemd von den Schultern und ich bewunderte seinen trainierten Rücken, der komplett mit Tätowierungen bedeckt war. Beeindruckt konnte ich mich von seinem Anblick kaum sattsehen. Die dunklen Bilder zogen sich über seine kräftigen Schultern und einen Teil über seine Oberarme nach vorne. Bisher hatte ich ihn noch nicht nackt gesehen, aber was ich sah, erschreckte mich genauso sehr, wie es mich faszinierte. Denn die Bilder waren düster. Sehr düster.
Er drehte sich ein Stück in meine Richtung und ich erkannte an seiner Flanke und auf seiner Brust mehrere verblasste und auch rötliche Narben. Überall dort, wo meine Tätowierung zu sehen war. Sein halber Oberkörper war übersäht davon. Meine Güte, er musste in seinem Leben einiges mitgemacht haben, um so auszusehen. Augenblicklich hatte ich so etwas wie Mitleid mit ihm, wenn ich daran dachte, wie viel Leid er schon ertragen musste. Innerlich wie äußerlich. Er sprach nicht viel über Persönliches, aber das wenige, was ich wusste, war nicht Friede, Freude, Eierkuchen.
»Gefällt dir, was du siehst oder überlegst du dir gerade, doch noch abzuhauen?«, sagte er, und als ich wieder in sein Gesicht sah, erkannte ich den Spott in seinen Augen. Ohne nachzudenken, ging ich auf ihn zu und legte meine Hände auf seine Brust, die unter meiner Berührung zuckte. Mit den Fingerspitzen fuhr ich sanft eine Verletzung nach der anderen nach, bis ich bei seinem Bauch angekommen war. Ich hörte, wie er tief und ruhig atmete, und genoss das Gefühl seiner warmen Haut unter meinen Handflächen. Ohne ein Wort zog er mich an sich und ich umschlang ihn fest. Sein Kinn ruhte auf meinem Kopf und seine Hände strichen über meinen Rücken und durch das Haar in meinem Nacken, sodass mich ein Schauer nach dem anderen erfasste.
»Verrückt, aber irgendwie tut es gut, gerade nicht alleine zu sein«, sagte er leise und ich spürte das Vibrieren seiner tiefen Stimme in meinem gesamten Körper. Ich hätte seine Worte gerne zurückgegeben, denn es tat auch mir gut, bei ihm zu sein. Auf eine völlig verrückte, fast schon kranke Art!
Ich sah noch oben und er erwiderte meinen Blick. Eigentlich wollte ich irgendetwas Lockeres oder gespielt Witziges sagen, aber ich konnte nicht. Die ganze Situation war viel zu intim, als dass ich sie mit dummen Geplapper zerstören wollte. Als drückte ich die Wange wieder an seine Brust.
Gefühlte Minuten standen wir so in seinem Schlafzimmer, bis wir uns voneinander lösten, uns wortlos bis auf die Unterwäsche auszogen und unter die Bettdecke in Brants Kingsize Bett legten. Mein Kopf ruhte auf seiner Schulter. Er umfasste meine Finger und legte sie verschränkt mit seinen auf seiner Brust ab. Dabei erkannte ich eine weitere Tätowierung an seinem Handgelenk und drehte sie so, dass ich sie richtig erkennen konnte.
»Was bedeutet das? Pik Ass«, fragte ich leise, mit der Hoffnung, dass er mir mehr über sich erzählte.
Er atmete tief ein, bevor er antwortete. »Das Pik Ass ist die höchste aller Spielkarten. Außerdem die Todeskarte«, erwiderte er und ein Schauer lief mir den Rücken hinab. Seine Stimme verriet mir, dass ich besser nicht mehr weiter nachfragte.
»Was ist mit deiner Familie passiert?«, fragte ich. Er wusste schließlich alles über meine, aber gab überhaupt nichts von sich preis. Vielleicht verstand ich ihn dann besser.
»Meine Mum ist gestorben, als ich zehn war. Brustkrebs«, sagte er und ich erkannte die Bitterkeit in seiner Stimme. Ich war gleichzeitig erschüttert und überrascht, dass er mir das erzählte.
»Großer Gott, das tut mir leid.« Und das tat es wirklich! Wenn ich daran dachte, meine Mum so früh verloren zu haben, traten mir Tränen in die Augen.
»Muss es nicht.« Seine Stimmlage verriet mir den Schmerz, der in Wirklichkeit in ihm wütete. Aus diesem Grund fragte ich nicht weiter nach. Ich wollte ihn nicht mit diesem konfrontieren, denn es gab keine Worte, die ihn besser gemacht hätten.
»Und dein Dad und dein Bruder? Du hattest sie erwähnt, als du mir alles erzählt hast … Wo sind sie jetzt?«
»Das kannst du Callum fragen, wenn wir ihn sehen. Er hat ihn und meinen Bruder auf dem Gewissen.« Sein Körper spannte sich an und ich schloss die Augen. Scheiße, damit hatte ich nicht gerechnet. Er war tatsächlich ganz alleine. Keine Eltern, keine Geschwister, keine Familie, ganz auf sich selbst gestellt. War es da nicht normal, dass man hart werden musste, um diesen Irrsinn durchzustehen?
»Wieso hast du nicht … ich meine …«
»Rache?«, fragte er. Er lachte spöttisch. »Glaub mir, die ersten Wochen, nachdem ich es erfahren hatte, wollte ich nichts mehr als Callums Tod. Ich war rasend und blind in meiner Wut und musste mehrfach an mir halten, es nicht zu tun.«
»Wieso?«, flüsterte ich. Auch wenn ich sonst ganz und gar nichts von Gewalt hielt, aber ich verstand nicht genau, weshalb einen Mann wie Brant etwas zurückhalten konnte.
»Wegen den Menschen, die von uns abhängig sind. Ich wollte meine Leute nicht mit in das alles hineinziehen. Aber das wäre passiert. Callums Verbündete hätten sich auf meine gestürzt und das wäre nicht gut ausgegangen. Es geht nie immer nur um zwei, es geht bei uns immer um hunderte andere.«
Fast gerührt drückte ich ihm einen Kuss auf die Brust, ohne etwas zu erwidern. Und wieder entdeckte ich eine neue Seite an dem harten, dunklen Mann, der mir unverhofft begegnet war. Er machte sich Gedanken um andere. Unfassbar. Auch um mich?
Seine Hand strich durch mein Haar und er zog mich noch ein wenig zu sich.
»Bekomme ich jetzt eigentlich meine Handtasche zurück? Mein Handy und so was, wenn ich nicht mehr deine Gefangene bin?«, wechselte ich das Thema, damit er nicht mehr darüber nachdenken musste. Und ich auch nicht, denn fast hätte ich ihm gesagt, dass ich nun hier war und ihn nicht im Stich ließ. Doch wirklich versprechen konnte ich das nicht.
»Wofür brauchst du dein Handy, willst du jemanden anrufen?«, fragte er misstrauisch.
»Nein. Aber falls meine Freunde sich Gedanken machen, wo ich bin, kann ich ihnen sagen, dass alles in Ordnung ist.«
»Alles in Ordnung. Als ob man das so nennen könnte.« Er lachte verächtlich. »Deine Sachen sind in der Kommode im Wohnzimmer, obere Schublade.«
»Danke«, erwiderte ich leise. Ich kuschelte mich tiefer in seine Umarmung und hörte seinen Atem, der immer ruhiger und entspannter wurde. Es war ziemlich schmeichelhaft, dass er mir so weit vertraute und tatsächlich neben mir schlief. Doch meine Gedanken drehten sich im Kreis und ich konnte auch eine Stunde später nicht an Schlaf denken. Außerdem musste ich dringend zur Toilette. Also befreite ich mich vorsichtig von Brants schwerem Arm und stieg aus dem Bett. Mit einem letzten Blick auf ihn verließ ich das Schlafzimmer.
Wenn ich sowieso schon mal aufgestanden war, könnte ich auch kurz auf mein Handy schauen. Nur falls sich tatsächlich jemand gemeldet hatte, der sich Sorgen machte. Leise ging ich ins Wohnzimmer und öffnete wie von Brant beschrieben die Kommode, in der ich meine Handtasche fand. Es dauerte einige Sekunden, bis mein Telefon startete, denn Brant hatte es vorsorglich ausgeschaltet. Der Akku war glücklicherweise noch halb voll.
Vielleicht sollte ich Reed kurz schreiben, damit er meine Nummer hatte, falls er doch noch etwas Wichtiges herausfand.
Also speicherte ich die Nummer, die er mir auf die Handfläche gekritzelt hatte, in mein Handy ein und schrieb eine kurze Nachricht.

Hi, Reed. Ich bin es, Adrijana. Hier ist meine Nummer, falls etwas ist. Grüße

Ich war unschlüssig, ob ich warten sollte, bis er sich meldete, beschloss aber, zuerst meine Blase zu erleichtern. Nachdem ich nach diversen falschen Türen endlich das Gästebad gefunden und meine Notdurft verrichtet hatte, lief ich zurück ins Wohnzimmer. Mein Handy zeigte tatsächlich eine eingegangene Nachricht an. Anscheinend gab es noch jemanden, der nicht schlafen konnte.
Ich las sie einige Male und konnte mir doch keinen Reim darauf machen. Kurz überlegte ich, was ich mit dieser Information nun anfangen sollte, denn Reeds Zeilen ergaben für mich einfach keinen Sinn.

Adrijana, ich bin froh, von dir zu hören! Geht es dir noch gut? Ich habe mich erinnert, und wir sollten uns unbedingt treffen oder telefonieren. ALLEINE!

Ich schloss leise die Zwischentür des Wohnzimmers und ging weiter nach hinten in den Raum, dann wählte ich Reeds Nummer.
»Süße, da bist du ja!«
»Hi, Reed. Was gibt es?«, fragte ich leise.
»Bist du alleine?«
Ich setzte mich auf die Couch und fixierte die Tür, falls Brant doch noch aufwachte und hereinkam. »Ja, bin ich. Aber wahrscheinlich nicht lange. Was ist dir eingefallen?«
»Ich hab doch etwas erkannt!«
»Was, Reed?«, fragte ich nun ungehalten. »Raus mit der Sprache!«
»Sagt dir das Zeichen Pik Ass etwas?«
Ich schluckte hart und plötzlich begann sich der Raum, zu drehen. »Was hast du gesagt?« Meine Atmung beschleunigte sich automatisch.
»Pik Ass! Der eine hatte das als Tätowierung auf dem Handgelenk. Ich habe es kurz gesehen, als er die Waffe auf meinen Kollegen gerichtet hat und sein Ärmel verrutscht ist.« Das konnte nicht sein. Reed musste sich irren. Das musste ein Zufall sein! Oder? »Süße, bist du noch da?«
Fast bekam ich keinen Ton mehr heraus, denn meine Kehle war unfassbar trocken. »Ja, klar. Ich melde mich wieder.« Damit legte ich auf und knabberte unruhig auf meiner Unterlippe herum.
Es gab nur zwei Optionen. Brant verarschte mich gewaltig und spielte mit diesem Callum ein gemeinsames Spiel, um mich ans Messer zu liefern. Oder das alles war ein verdammtes Missverständnis. Aber was sollte ich nun tun? Sollte ich sein Spiel mitspielen, um die Chance zu erhalten, meine Eltern lebend wiederzusehen? Oder abhauen und mich von all dem abwenden? Shit! Ich hatte keine verdammte Ahnung! Ich wusste nur eines. Ich befand mich mitten in einem Käfig mit einer Meute hungriger Löwen und war anscheinend die Hauptmahlzeit!

 

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