Blogroman - Beautiful Sin

Blogroman – Beautiful Sin – Kapitel 11

Kapitel 11

 

Adrijana

»Ich fahre in das Haus deiner Eltern und suche nach Hinweisen.«
»Wir fahren natürlich gemeinsam dahin!«, erwiderte ich.
»Wir?«, fragte er und schüttelte den Kopf. »Du bleibst hier. Ich kann auf mich aufpassen, aber auch noch auf dich … das ist viel zu gefährlich!«
»Du kennst dich dort überhaupt nicht aus! Ich weiß genau, wo das Arbeitszimmer meines Vaters liegt.«
»Das finde ich auch so«, sagte er und wollte aufstehen. Blitzschnell packte ich seinen Arm und hielt ihn zurück. Ich wusste nicht, ob es eine seiner antrainierten Reaktionen auf Berührungen war oder er es extra tat, um mir Angst einzujagen, aber plötzlich packte er meine Kehle und drückte zu. Nicht fest, aber fest genug, dass mir der Atem stockte. Einige Sekunden verwoben sich unsere Blicke miteinander und dabei konnte ich unglaublich viel aus seinen dunklen Augen lesen. Viel mehr, als er wahrscheinlich bereit war, mir eigentlich zu zeigen. Und plötzlich wusste ich, dass er mir gar nichts antun konnte. Selbst wenn er es wollte. Allein dieses Gefühl, Macht über ihn zu besitzen, gab mir eine gewisse Genugtuung und ich drückte mich herausfordernd seinen festen Fingern entgegen.
Er zog mich an sich und küsste mich hart. Seine Finger lösten sich ein klein wenig, während seine Zunge sich in meinen Mund schob. Viel zu kurz, dass meine aufkommende Lust befriedigt wurde und doch lange genug, dass ich spürte, dass ich nicht die Einzige war, die Macht besaß. Er hatte sie ebenso, zumindest über meinen Körper.
»Du bist mein Untergang«, murmelte er an meinen Lippen und ließ mich los. Überlegen grinste ich ihn an und beobachtete ihn dabei, wie er aufstand und mir seinen Rücken zudrehte. »Komm. Sonst überlege ich es mir anders«, knurrte er und ich sprang auf.
Ich dirigierte ihn durch die Stadt zum Anwesen meiner Eltern. Als ich mich über Brant beugte, um vor dem riesigen, massiven Tor der Einfahrt auf den Fingerabdruckscanner zu drücken, schnürte sich meine Kehle zu. Das letzte Mal hatte ich meine Eltern vor einem Monat hier zum Abendessen besucht. Ich wollte es damals nicht sehen, aber wenn ich jetzt über unser Treffen nachdachte, wirkte meine Mutter nervöser als sonst. Sie hatte fast pausenlos geplappert, und als ich sie fragte, ob alles in Ordnung wäre, hatte sie nur abgewunken. Mein Dad war entspannt wie immer, aber ich hatte auch noch nie in meinem gesamten Leben gemerkt, dass ihn irgendetwas aus der Ruhe gebracht hatte.
Der geborene Anführer.
»Hey«, hörte ich Brants Stimme wie in weiter Ferne und spürte seine Fingerknöchel, die sanft über meine Wange strichen. Ich verdrängte meine alten Erinnerungen und lächelte ihn künstlich an. »Du kannst hier im Auto bleiben, wenn du möchtest.«
Ich schüttelte den Kopf und wich seinem eindringlichen Blick aus, damit er mir nicht ansah, wie sehr ich mit meinen Tränen kämpfen musste. Ich fühlte Verzweiflung in mir aufsteigen, wenn ich daran dachte, dass meine Eltern vielleicht in Gefangenschaft eines Verrückten waren.
Das Tor öffnete sich. Brant dirigierte seinen Wagen die gepflasterte Einfahrt vor unser Haus und wir stiegen aus. Das gesamte Haus war von unten bis oben gesichert. Mein Dad hatte es sich einiges kosten lassen, uns so abzuschotten, und hatte auch einen Teil der Kosten in ein Sicherungssystem in meiner Wohnung investiert. Ich dachte immer, es ginge ihm nur um das Geld und die Wertgegenstände, die wir im Haus hatten, denn meine Mutter war mit einer eigenen Galerie eine große Kunstsammlerin und in ihrem Besitz befanden sich viele wertvolle Stücke. Aber wenn ich jetzt darüber nachdachte, ging es ihm sehr wahrscheinlich nur um seine Feinde. Von denen er garantiert genug besessen hatte. Vielleicht war besser, dass ich bis vor Kurzem überhaupt nichts von dem zweiten Gesicht meines Vaters gewusst hatte.
»Normalerweise waren vor der Tür immer zwei seiner Sicherheitsleute postiert …«, sagte ich und sah mich um, doch weit und breit lag das Grundstück und Anwesen in Einsamkeit. Die Sicherheitskräfte hatten eindeutig versagt. Wahrscheinlich lebten auch sie nicht mehr. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken, als ich daran dachte. Die meisten von ihnen kannte ich schon mein ganzes Leben lang.
Ich ging auf die breite Steintreppe zu und spürte Brants Finger stützend an meinem Rücken, als ich sie bis zur Eingangstür erklomm. Er war dicht hinter mir und das gab mir Sicherheit, obwohl auch von ihm noch eine gewisse Gefahr ausging.
»Öffne die Tür und trete dann beiseite«, gab er mir leise und bestimmend die Anweisung. Auch hier presste ich meinen Zeigefinger auf das kleine Scanfeld und ging dann einen Schritt zurück.
Mir wurde ganz anders, als Brant aus seinem hinteren Hosenbund eine Waffe zog und diese im Anschlag Richtung Tür hielt, während er sie langsam aufzog. Er hatte sich zu Hause eine dunkelblaue Jeans und ein lockeres Hemd angezogen. Jetzt war mir bewusst, weshalb. Damit er schneller reagieren konnte, sollte jemand auf uns lauern. Ein Anzug war in dieser Situation wohl etwas unpraktisch.
»Ich muss noch innen die Alarmanlage abstellen … Wenn sie an ist …«
Er nickte und betrat mit einem großen Schritt das Haus. Ich folgte ihm mit wenig Abstand, und während er den deckenhohen Eingangsbereich mit den zwei geschwungenen Marmortreppen sondierte, ging ich zu dem kleinen Terminal neben der Tür und stellte die Alarmanlage aus. Obwohl der Alarm, soweit ich wusste, sowieso nur bei meinem Dad und unseren Sicherheitskräften ankam. Jetzt wusste ich auch, wieso. Die Polizei würde uns garantiert nicht helfen.
»Okay«, sagte ich leise und Brant atmete ein paarmal laut ein und aus. Fast merklich fiel ein wenig Anspannung von seinem schweren Körper ab.
»Wo ist das Arbeitszimmer von deinem Dad? Wir sollten dort beginnen.«
»Oben, im linken Flur auf der rechten Seite.«
Brant hielt die Waffe immer noch bereit in seiner Hand. Wir bestiegen die Treppe und folgten dem Gang, bis wir vor der dunkelbraunen Eichentür stehen blieben. Bis jetzt war alles ruhig im Haus und ich konnte mir nicht vorstellen, dass noch irgendjemand hier war. Vor allem nicht, nachdem tatsächlich schon ein Monat vergangen war, seitdem meine Eltern verschwunden waren. Vier ganze Wochen. Und ich hatte in dieser Zeit rein gar nichts herausfinden können, wer oder was dahinterstecken könnte. Bis Brant mich gefunden hatte.
Wir könnten wirklich nützlich füreinander sein. Hoffentlich glaubte er das auch, wenn der ganze Spuk vorbei war, denn zu hundert Prozent trauen, konnte ich ihm immer noch nicht. Auch wenn ich es zu gern hätte. Sein Vertrauen, seinen Schutz und vielleicht sogar ein wenig mehr …
Die Tür knarrte leise, als er sie öffnete und durch den Raum spähte. Ich hielt den Atem an, als ich hinter ihm über die Schwelle trat. Niemals hätte mein Dad das Zimmer so zurückgelassen.
»Na, da hat aber jemand ganz schöne Arbeit geleistet«, sagte Brant und sah sich in dem Chaos um.
Die Schubladen des Schreibtisches waren alle aufgerissen, Bücher aus den Regalen gezogen und auf dem dunkelroten Perserteppich lagen Hunderte von Blättern und Unterlagen zerstreut. Alles hier drin war das reinste Durcheinander und jemand hatte augenscheinlich etwas ganz Bestimmtes gesucht. Ich hoffte inständig, dass, egal was es war, er es nicht gefunden hatte.
»Hat dein Dad irgendwo einen Safe oder ein Geheimversteck? Ich denke nicht, dass wir in den Unterlagen hier irgendetwas Nützliches finden werden.«
Ich überlegte angestrengt, bis mir einfiel, dass ich als kleines Mädchen einmal in sein Arbeitszimmer gekommen war und gesehen hatte, wie er eine bestimmte Reihe von Büchern wieder in das Regal zurückgeschoben hatte. Es kam mir merkwürdig vor, weil er danach ein wenig nervöser gewirkt hatte, aber ich hatte damals keine wirklichen Gedanken mehr daran verschwendet. Warum auch? Wenn ich jemandem vertraut hatte, dann meinem Vater. Bedingungslos.
Ich stellte mich vor das wandbreite Regal und durchforstete die Bücherreihen. Wie sahen die Bücher noch mal aus? Wir könnten nur alle einzeln herausziehen, um sie zu finden, aber mein Vater besaß gefühlte tausend davon. Keine Chance, hier vor Sonnenuntergang fertig zu werden.
»Ich kann mich nicht erinnern«, sagte ich. Ruckartig legte sich Brants Hand auf meinen Mund und er zog mich an seine Brust.
»Leise«, flüsterte er in mein Ohr und ich erstarrte. Hatte er etwas gehört, das ich nicht vernommen hatte? Seine Ohren waren tadellos, wenn es wirklich so war.
Doch! Da! Da war tatsächlich ein Geräusch!
Mein Herz schlug mir bis zum Hals und mein Magen verkrampfte sich. Es war eindeutig noch jemand im Haus.
»Du bleibst hier, schließt hinter mir ab und machst erst auf, wenn ich zurück bin! Verstanden?«, wisperte Brant und ich nickte stumm. Ich wollte ihn anflehen, hierzubleiben, aber da war er schon leise durch den Türspalt geschlüpft und ich stand völlig verängstigt mitten im Zimmer und traute mich keinen Schritt zu tun. Ich hätte noch nicht mal eine Waffe zu meiner Verteidigung gehabt!

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