Blogroman - Beautiful Sin

Blogroman – Beautiful Sin – Kapitel 10

Kapitel 10

Brant

»Setz dich«, sagte ich und deutete auf mein schwarzes Sofa im Wohnzimmer. Sie nun wieder in ihrem Zimmer einzusperren, kam mir irgendwie falsch vor. Das allein sollte mir zu denken geben, denn normalerweise hatte ich solche Gedanken in Bezug auf richtig oder falsch nicht.
Ich nahm neben ihr Platz und stützte meine Unterarme auf den Oberschenkeln ab. Sie hatte sich eben noch frisch gemacht und trug nun eine lange Yogahose und ein weites Shirt. Ein Glück, denn andernfalls hätte ich mich wieder nicht konzentrieren können.
»Hinter den offensichtlichen Dingen in unserer Stadt Chicago, wie Polizei und Staat, haben sich in den letzten Jahrzehnten andere Instanzen entwickelt, die tatsächlich das Sagen über Kriminelle, genauso wie über Banken und die Politik haben. Erst agierten diese im Untergrund, bauten sich gemeinsam ein Imperium über illegale Geschäfte, Casinos, Bordelle und dergleichen auf, bis sie sich zu den ganz Großen hocharbeiteten. Ein eigenes Rechtssystem wurde aufgestellt, bestehend aus Gewalt, Bestechung und Korruption. Drei Männer standen an der Spitze und niemand hatte es gewagt, sich ihnen entgegenzustellen, selbst die Polizei nicht.« Ich fing kurz ihren Blick auf und sie runzelte die Stirn. Es fiel ihr schwer, meinen Erzählungen zu folgen, das sah ich ihr an. »Die drei Männer hießen mit Nachnamen Slater, Lancester und Barrera.« Sie saugte laut die Luft ein, als ich ihren Nachnamen sagte. »Unsere Großväter.«
»Das kann nicht sein! Mein Grandpa war ein ehrenwerter Mann! Mein Vater hat seinen Beruf an der Börse übernommen und beide sind niemals illegal aufgefallen!« Sie schüttelte den Kopf, verschränkte die Arme vor der Brust und sprang auf. Unruhig tigerte sie vor der Couch umher, bis ich nach ihrer Hand griff und sie sanft zu mir zurück auf die Sitzfläche zog.
»Ich weiß, das alles ist schwer zu verstehen, wenn man es zum ersten Mal hört, aber glaub mir, ich habe mir früher öfter gewünscht, es wäre anders. Aber das ist noch nicht alles.«
»Großer Gott, was kommt denn jetzt? Nachher willst du mir noch erzählen, dass nicht nur mein Grandpa und mein Vater Verbrecher waren, sondern deine Eltern auch …« Sie verstummte, als sie verstand. »Slater … deshalb hast du mich nach dem Namen gefragt! Das ist deine Familie?«
»Ich wollte wissen, was du über das System weißt und ob du unsere Namen kennst.« Ich hielt ihr die Hand hin. »Darf ich mich vorstellen, Brant Slater.«
Sie zögerte, als sie meine Finger ergriff und ich hauchte ihr einen Handkuss darauf. »Na super …«, murmelte sie und ich ließ sie wieder los. »Also, was noch?«
»Die drei Gründer der Organisation haben sich irgendwann verkracht. Es gab einen üblen Bandenkrieg. Menschen mussten sich für eine Fraktion entscheiden, viele sind dabei gestorben.« Sie legte sich betroffen die Hand auf die Höhe ihres Herzens. »Als das vorbei war, und jeder sich entschieden hatte, wurde die Stadt in drei Parteien aufgeteilt. Die Innenstadt, wie du sie kennst, unter Loop, North Side und South Side und die dazugehörigen Stadteile gingen an unsere Familien, damit jeder, so gut es ging, in Frieden nebeneinander sein Ding durchziehen konnte. Manchmal gab es an den Grenzen einige Reibungspunkte, aber das war nicht der Rede wert.«
»Du willst mir also sagen, dass meiner Familie die Hälfte des Untergrunds von Chicago gehört?«
»Ein Drittel.«
Sie schnaubte. »Und wo ist jetzt das Problem? Abgesehen davon, dass meine Eltern mich mein Leben lang angelogen haben und nun weg sind?«
»Euer Gebiet, der Norden, wird gerade von den Lancesters belagert. Seitdem der alte Lancester gestorben ist und sein Sohn Callum an der Spitze steht, streut er Zwietracht in das System unserer Großväter. Er wird immer größenwahnsinniger und will alles besitzen.«
»Ich verstehe das Problem immer noch nicht ganz. Ich meine, die normalen Bürger kriegen doch von diesem ganzen Mist anscheinend nichts mit. Kann nicht einer nur an der Spitze stehen?«
»Das Problem liegt erstmal darin, dass Callum Lancester unseren Tod will, damit er sich die Teile aneignen kann. Solange du noch keine Kinder hast, gibt es keinen Nachfolger für die Gebiete, und wir stehen in der Rangfolge nach unseren Eltern.«
»Das hört sich ja an wie die königliche Familie … nur viel dreckiger.«
Ich lachte einmal bitter auf. »Ja, so kann man es bezeichnen.«
»Deshalb hast du mich entführt, anstatt mit mir darüber zu sprechen?«
»Erstens wusste ich nicht, auf welcher Seite du stehst und zweitens: Hättest du mir geglaubt?«, fragte ich und zog eine Augenbraue nach oben. Sie schüttelte stumm den Kopf. »Tust du es jetzt?«
»Es macht auf jeden Fall einiges mehr Sinn, was meine Familie betrifft, wenn ich darüber nachdenke … Aber Moment … wenn Callum unseren Tod möchte, dann … glaubst du, meine Eltern sind …« In ihrem Gesicht zeichnete sich eindeutig Besorgnis ab.
»Dafür gibt es noch keine Bestätigung«, unterbrach ich sie. »Meine Informanten draußen suchen alles nach ihnen ab. Dein Vater war kein übler Kerl, im Gegensatz zu den Lancesters. Es wäre sogar besser, wenn er wieder zurückkäme.«
»Und du willst nicht das komplette Gebiet?«
»Eigentlich wollte ich, ehrlich gesagt, die Verantwortung für unseres erst überhaupt nicht, als mein Vater und mein Bruder gestorben waren. Mit den Jahren kam ich allerdings damit klar und hab mich mit meiner neuen Rolle angefreundet. Ich versuche trotzdem, jeden möglichen Krieg zu verhindern.«
»Dann sollst du einer von den Guten sein? Ist das dein Ernst?«
»Einer von den Guten bin ich garantiert nicht …«
Es herrschte einen Moment Stille. »Und was machen wir jetzt?«, fragte sie. »Um meine Eltern zu finden und diesen Typen aufzuhalten, uns umzulegen?«
»Ich arbeite dran. Ich dachte, wenn ich dich erstmal aus der Schusslinie bringe, damit Callum dich nicht findet und beiseiteschaffen kann, dann ist der erste Schritt getan. Außerdem war ich mir bis eben nicht mal sicher, ob ich das nicht selbst übernehmen soll, damit du mir nicht in den Rücken fällst.«
»Na klasse, also wolltest du mich tatsächlich umbringen?«
Ich versuchte, einen betroffenen Blick aufzusetzen. »Genützt hätte es mir allerdings nicht viel, vielleicht ist dir das ein Trost. Es hätte nur deine vorlaute Klappe endlich zum Schweigen gebracht.«
Sie verdrehte die Augen. »Nicht witzig. Also bin ich jetzt nicht mehr deine Gefangene?« Als ich nichts darauf erwiderte, sah sie mich vorwurfsvoll an. »Nicht dein Ernst! Du willst mich immer noch hier festhalten!«
»Festhalten würde ich nicht sagen, aber es ist sicherer hier bei mir, zumindest für einen Moment. Callum weiß nicht, welche meiner Wohnungen oder Häuser ich nutze. Bis er rausbekommen hat, wo ich bin und vor allem, wo du bist, könnten Wochen vergehen. Du hast deine Spuren übrigens gut verdeckt.«
»Ich hab vom Besten gelernt«, erwiderte sie und sah traurig aus, als sie anscheinend an ihren Vater dachte. Mein eigener Dad war nie so etwas wie liebevoll oder nachsichtig gewesen, aber trotzdem verstand ich ihren Schmerz, wenn sie daran dachte, dass ihm etwas passiert sein könnte. Aus einem unerfindlichen Grund wollte ich ihr diesen Schmerz ersparen. Ihre Eltern mussten bei Callum sein, das war die einzig logische Erklärung. Jetzt musste ich nur noch herausfinden, wo dieser Wichser war.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.